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NWZonline.de Nachrichten Politik Meinung

Nwz-Interview Mit Can Dündar: „Zustimmung für Erdogan zeigt Versagen der Integrationspolitik“

21.06.2018
Frage: Herr Dündar, hunderttausende Türken haben in Deutschland schon ihre Stimme bei der Präsidentschaftswahl abgegeben. Sie auch?
Dündar:: Das wäre keine gute Idee gewesen! Das Konsulat in Berlin ist türkisches Territorium. Wäre ich dort aufgetaucht, hätte man mich wegen des Haftbefehls gegen mich sofort festgenommen, in die Türkei gebracht und hinter Gitter gesteckt.
Frage: Die Wahlbeteiligung unter den Türken hierzulande war wie beim Verfassungsreferendum hoch. Werden sie womöglich bei der Wieder- oder Abwahl von Präsident Recep Tayyip Erdogan das Zünglein an der Waage sein?
Dündar:: Die hohe Zustimmung für Erdogan unter den Türken in Deutschland mag auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen, schließlich genießen sie alle demokratischen Freiheiten, die Erdogan beschränkt. Aber darin zeigt sich auch ein Versagen der Integrationspolitik. Es ist der deutschen Regierung nicht gelungen, dafür zu sorgen, dass sich die Mehrheit der Türken hier wirklich heimisch fühlt. Sie sind empfänglich für Erdogans islamischen Nationalismus. Erdogan gibt diesen Menschen ein Gefühl von Nationalstolz und Identität, das ihnen in Deutschland fehlt.
Frage: Frage: An diesem Sonntag wird in der Türkei gewählt. Erreicht Erdogan gleich in der ersten Runde die absolute Mehrheit und sichert sich den Amtsverbleib?
Dündar:: Er setzt alles daran und versucht verzweifelt, am Sonntag die Wahl für sich zu entscheiden. Es wird sehr knapp. Wenn er in die Stichwahl müsste, würde sich die Opposition hinter einem Kandidaten versammeln und hätte große Chancen auf den Sieg. Zum ersten Mal seit Jahren weht ein sehr kräftiger Wind der Veränderung durch die Türkei, es könnte ein Sturm werden, der Erdogan fortbläst.
Frage: Frage: Und wenn der Wind abflaut und Erdogan gewinnt?
Dündar:: Dann ist er am Ziel, erhält durch die neue Verfassung enorme Machtbefugnisse und kann getrost, wie er es angekündigt hat, den Notstand zwei Jahre nach dem gescheiterten Putschversuch wieder beenden. Jetzt braucht er den Ausnahmezustand noch, um die Wahl zu gewinnen. Sobald die neue Verfassung in Kraft ist, wird der Ausnahmezustand zur Normalität. Dann ist es mit der Gewaltenteilung und der Unabhängigkeit der Justiz vorbei. Universitäten, Medien und die Wirtschaft sind dann nicht mehr frei.
Frage: Frage: Dann wird die Türkei zur Diktatur?
Dündar: : Ganz so weit wird es hoffentlich nicht kommen. Die Opposition ist gestärkt. Der Kandidat der sozialdemokratischen CHP, Muharrem Ince, wird ein echter Machtfaktor. Eine breite Allianz steht hinter ihm. Auch wenn Erdogan gewinnt, dürfte er große Schwierigkeiten bekommen durchzuregieren. Auch die Wirtschaft wird die Füße nicht stillhalten, denn die Konjunktur und die Währung leiden massiv unter dem isolationistischen Kurs.
Frage: Frage: Wird die Wahl in der Türkei frei und fair ablaufen?
Dündar: : Erdogan hätte keine Probleme, die Auszählung zu manipulieren. Und weil es sehr eng wird, ist die Gefahr groß. Aber die Opposition hat angekündigt, mit 50 000 Rechtsanwälten die Stimmauszählung zu kontrollieren. Deutschland und der EU fehlen der Mut und der politische Wille, viele Wahlbeobachter in die Türkei zu schicken, um Manipulationen zu vorzubeugen. Man will sich mit Erdogan nicht anlegen. Deswegen werden die Türken selbst für faire Wahlen sorgen.
Frage: Frage: Was werden Sie am Sonntag machen?
Dündar:: Ich werde in der Redaktion von unserem Nachrichtenportal Özgürüz in Berlin den Wahlausgang verfolgen. Und ich hoffe natürlich auf eine Niederlage Erdogans. Dann wäre die Türkei am Montag ein anderes Land und ich könnte endlich in meine Heimat zurückkehren.
Tobias Schmidt Korrespondentenbüro Berlin
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