Oldenburg - Seit Beginn des Jahres hält uns die Corona-Krise mit zunehmender Intensität in Atem. Und zurzeit ist das Ende noch nicht eindeutig abzusehen. Gerade diesem Umstand ist es geschuldet, dass die Frage wann es „zurück“ in die Normalität geht immer häufiger gestellt wird. Die Frage ist durchaus berechtigt, wenn gleich irreführend. Denn klar ist: die Normalität nach der Corona-Krise wird und muss eine andere sein. Jenen die gewillt sind die Sozialsysteme abzuschaffen, die Gesundheitssysteme zu privatisieren und gewinnorientiert umbauen zu wollen, muss klar sein, dass im Fall einer Krise wie derzeit diese vermeintlichen Einsparungen zu unermesslichen Problemen führen. Dies lässt sich am Beispiel der USA gut erkennen. Durch die Corona-Krise wurden Millionen Menschen auf einen Schlag arbeitslos und verloren damit ihre Krankenversicherung. Eine Infektion bedeutet für diese Menschen auch der finanzielle Ruin. Es darf in Deutschland und in Europa keine Entwicklung in diese Richtung geben.

Maximilian Kürten (17) geht in die 11. Klasse und interessiert sich für Gesellschaftswissenschaften und Politik (Foto: Torsten von Reeken)

Maximilian Kürten (17) geht in die 11. Klasse und interessiert sich für Gesellschaftswissenschaften und Politik (Foto: Torsten von Reeken)

Der Schlüssel muss Solidarität sein. Das gilt einerseits in der Nachbarschaft, mit unseren Familien und Freunden, aber auch als Gemeinschaft, als Mitgliedstaat der EU.

Zurzeit scheint die EU hier aber eher machtlos. Die Entscheidungsgewalt liegt zum größten Teil bei den Mitgliedstaaten, die Grenzen innerhalb der EU werden dichtgemacht. Der europäische Gedanke, die europäische Integration bleibt hier auf der Strecke.

Allerdings lässt sich die Corona-Krise nicht behandeln, als fände sie nur hier in Deutschland statt. Wir dürfen in diesen Zeiten nicht jene vergessen, denen es in dieser globalen Krise schlechter geht als uns. Die Reaktion auf eine solche Krise darf nicht sein, dass wir uns in Europa einigeln vergessen, was an unseren Außengrenzen im Mittelmeer und in den Flüchtlingslagern in Griechenland passiert.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ So steht es im Grundgesetz. „Die Werte, auf die sich die Union gründet, sind die Achtung der Menschenwürde, (…)“ legt der Vertrag von Lissabon über die Europäische Union fest. Diese Werte beziehen sich nicht auf die Menschen innerhalb der EU Grenzen sondern auf alle Menschen. Den Geflüchteten, die zurzeit in Lesbos in maßlos überfüllten Flüchtlingslagern oder vor Libyen in seeuntauglichen Schlauchbooten sitzen muss geholfen werden. Wie schwer die Corona-Krise auch sein mag, wir dürfen diesen Menschen nicht den Rücken zudrehen. Doch genau das passiert genau jetzt. Einige Mitgliedsstaaten einigten sich darauf Flüchtlinge aufzunehmen. Die Zahl von 50 Kindern, die Deutschland aufnimmt ändert an der Lage auf Lesbos allerdings nichts.

Und die Zeit für ein stärkeres Handeln drängt. Denn wenn der Corona-Virus in diesen Lagern grassiert, wird er für die meisten der Flüchtlinge schrecklich enden. Allein in Moria auf Lesbos leben 20.000 Menschen auf engstem Raum. Dort von social distancing zu reden wirkt zynisch, wenn gleichzeitig die Wasserversorgung einbricht. Wenn die EU und ihre Mitgliedstaaten nicht endlich handeln, wird Moria ein Massengrab.

Mit der bisherigen Handlungsweise verraten die EU und wir in Deutschland unsere Werte.

Doch immer wieder werden diese Grundsätze in Reden beteuert. In der Praxis zeigt sich Europa und Deutschland nicht so, wie sie sich gern darstellt. Zurzeit scheint es einfacher zu sein, Menschen in Flüchtlingsbooten ertrinken, oder auf engstem Raum in einem Flüchtlingslager, einer tickenden Zeitbombe leben zu lassen. Das ist eine Schande für die Verantwortlichen.

Die Corona-Krise ist eine Aufgabe, dessen Bewältigung für uns alle eine große Anstrengung ist. Zusätzlich bringt sie Probleme ans Licht, die schon vorher existierten, jetzt aber drängender den je sind.

Deswegen lasst uns auf das „Nachher“ blicken. Auf das, was kommt, wenn wir diese Krise überstanden haben. Aber lasst uns die Grundsätze, die wir uns als Lehre nach der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gegeben haben auch schon jetzt, wie auch in Zukunft ernst nehmen. Lasst uns nicht zurück, sondern weiter in eine neue Normalität gehen.

Dazu gehört, dass wir systemwichtige Berufe nicht nur mit Applaus bezahlen und dass wir den Menschen die in unserem Land leben, ein lebenswertes Dasein ermöglichen. Aber auch, dass wir das Sterben an den EU-Außengrenzen endlich beenden.