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NWZonline.de Nachrichten Politik Meinung

WM ist keine „Putin-Show“

15.06.2018

Oldenburg Der WM-Ball rollt in Russland – und wie zu befürchten war, lassen Politiker und Medien im Westen keine Gelegenheit aus, anti-russische Klischees zu bedienen. Von Putin-Festspielen ist da die Rede, die üppig inszenierte Fußball-Weltmeisterschaft soll Kritik an Autokratie, mangelnder Pressefreiheit und Menschenrechtsverletzungen überdecken. Unreflektiert werden als Krönung des allgemeinen Russland-Bashings Polit-Rüpel wie der britische Außenminister Boris Johnson zitiert, der die WM in Russland mit den Nazi-Spielen 1936 in Berlin vergleicht.

Für Russen ist diese Aussage ein gezielter Schlag ins Gesicht. Der Kampf gegen den Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg hat rund 25 Millionen Sowjetbürgern das Leben gekostet und ist zentraler Teil der russischen Identität. Johnsons Vergleich ist eine beleidigende Provokation. Sein Vorwurf an Russland, die WM für politische Propaganda zu missbrauchen, ist der Gipfel der Heuchelei.

Anstatt anti-russischen Populisten eine Bühne zu bieten, sollte das Sportfest in Russland genutzt werden, um sich wieder näher zu kommen, um sich besser kennenzulernen, politischen Streit zu überwinden und sich auf den sportlichen Wettkampf zu konzentrieren. Ein erster Schritt wäre, das Bemühen ganz Russlands um eine bunte, erfolgreiche und friedliche WM richtig zu verstehen.

Der große Aufwand, mit dem die WM organisiert und durchgeführt wird, ist keine „Putin-Show“, sondern zunächst einmal Ausdruck einer tief verwurzelten russischen Gastfreundschaft. Wenn Gäste in ein russisches Haus kommen, dann wird alles aufgetischt, was Küche und Keller hergeben. Die Gastgeber räumen ihr Schlafzimmer und quetschen sich auf die Couch, damit es die Besucher bequem haben. Am Tisch wird nicht über Probleme geredet oder über Politik diskutiert – da geht es um Familie, Kultur, die schönen Dinge des Lebens. Es gibt kunstvoll formulierte Trinksprüche auf das Wohl und den Wert der Anwesenden und melancholische Lieder über das Leben und die Liebe. Später, in der Küche, wo sich irgendwann zwischen Geschirrbergen und Essensresten alle versammeln, darf auch mal gestritten werden - aber immer mit Respekt für die Position des anderen und mit Rücksicht auf die gesamte Feier-Gesellschaft. Denn kein Streit ist es wert, die Party zu verderben.

Dass Putin in den WM-Stadien, bei Empfängen und Feiern präsent ist, gebietet schlicht der Anstand. Mit seiner Anwesenheit zollt der russische Präsident den Gästen seines Landes und den Sportlern Respekt – wie es ein guter Gastgeber tun sollte. Zudem interessiert er sich für Sport, was ist daran verwerflich? Viel kritikwürdiger ist das Verhalten westlicher Spitzenpolitiker, die sich wichtig machen mit wochenlang durchgekauten Überlegungen, ob sie nun nach Russland fahren oder nicht. Fahrt hin, sprecht mit den Menschen, genießt die russische Kultur und Gastfreundschaft. Das macht Spaß und hilft dabei, ein verschobenes Russlandbild neu zu justieren.

Sicher, man kann und muss vieles in Russland kritisieren. Aber lasst uns doch jetzt erstmal gemeinsam die WM feiern. Gestritten werden kann später wieder. Vielleicht dann aber endlich mal mit mehr Verständnis für die Geschichte, Tradition, Kultur und Mentalität des jeweils anderen.

Ulrich Schönborn
Chef vom Dienst
Chefredaktion
Tel:
0441 9988 2004

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