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NWZonline.de Nachrichten Politik Meinung

Was macht Inklusion schwierig?

24.07.2018

Oldenburg Im März 2007 hat die Bundesrepublik das Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen unterzeichnet. Daraus ergab sich das Gebot, dass Schülerinnen und Schülern mit Behinderungen unter dem Stichwort Inklusion eine gleichberechtigte soziale Teilhabe und damit ein Maximum an sozialer Partizipation im allgemeinen Schulwesen ermöglicht werden soll. Die hierdurch erforderliche Veränderung des Bildungssystems stellt für alle Beteiligten eine erhebliche Herausforderung dar.

Bei ihrer Konkretisierung zeigen sich noch offene Fragen und Schwierigkeiten. Diese lassen sich nicht allein auf einen Mangel an Ressourcen zurückführen, vielmehr ergeben sie sich hauptsächlich aus theoretischen Unklarheiten.

Zu diesen zählt als Erstes die Tatsache, dass der Inklusionsbegriff nicht eindeutig ist, sondern unterschiedliche Verständnisse und Auslegungen zulässt. Unter einer begrifflichen Mehrdeutigkeit werden aber stimmige Planungen und konsequente Umsetzungen erheblich erschwert, wenn nicht gar verhindert. Noch problematischer wird es, wenn aus dem Substantiv „Inklusion“ das Adjektiv oder Adverb „inklusiv“ abgeleitet wird. Denn man kann es beliebigen Hauptwörtern oder Verben anfügen. Auf diese Weise fließen Formulierungen wie „inklusive Bildung“, „inklusive Schule“, „inklusiver Unterricht“, „inklusives Curriculum“ oder „inklusive Diagnostik“ zwar leicht aus der Feder, doch man kann nur vage vermuten, was damit genau gemeint sein soll. Vorhaben und Maßnahmen, die unter einer mehrdeutigen und vagen Begrifflichkeit konzipiert und durchgeführt werden, sind aber einem erheblichen Risiko ausgesetzt, zu scheitern.

Autor dieses Beitrages ist Dr. Jörg Schlee. Der Psychologe und Pädagoge war Hochschullehrer an der Universität Oldenburg. Kritisch hat er sich unter anderem mit der sogenannten Schulentwicklung auseinandergesetzt. (Foto: privat)

Weiterhin wird das Gelingen von Vorhaben und Maßnahmen erheblich erschwert, wenn ihr Anliegen nicht deutlich zu erkennen ist. Ohne eine klare Zielsetzung werden Orientierung und Ergebniskontrolle beeinträchtigt. Die Inklusionsziele „gleichberechtigte soziale Teilhabe“ sowie „größtmögliche soziale Partizipation“ lassen jedoch viele Spielräume zu. Außerdem sind sie nur unter bestimmten Bedingungen erstrebenswert; nämlich nur dann, wenn die sozialen Kontakte und Auseinandersetzungen mit den jeweils anderen Personen von gegenseitigem Respekt und prinzipieller Anerkennung getragen werden. Ohne konstruktive Beziehungsbildungen verkommen soziale Teilhabe und Partizipation zu einem unerfreulichen und kräftezehrenden Nebeneinander.

Respekt, Zugehörigkeitsgefühl und gegenseitige Anerkennung können aber nicht durch Anordnungen erreicht werden, wie aus Familien, Vereinen, Betrieben und nicht zuletzt auch aus Schulen sattsam bekannt sein dürfte. Mit anderen Worten: Der gemeinsame Besuch von Schulen oder anderen Einrichtungen kann soziale Teilhabe und Partizipation in dem gewünschten Sinne nur ermöglichen, nicht aber gewährleisten.

In diesem Zusammenhang spielen Abbildungen eine verhängnisvolle Rolle, die in der Inklusionsdebatte eine große Rolle spielen. Sie sollen die Unterschiede von Exklusion, Separation, Integration und Inklusion verdeutlichen. Dabei unterstellen sie den verschiedenen sozialen Gesellungsformen eine unterschiedliche Wertigkeit. Die Inklusion wird als anzustrebendes Ziel dargestellt. Tatsächlich kommen Menschen tagtäglich in solch unterschiedlichen Gruppierungen zusammen. Sie alle erfüllen bestimmte Zwecke und haben ihre Vor- und Nachteile.

Ob sich die jeweiligen Gruppierungen und Sozialformen als sinnvoll und erfreulich oder als diskriminierend erweisen, hängt aber von unzähligen anderen Faktoren ab. Die Abbildungen repräsentieren nicht die soziale Wirklichkeit und verhindern dadurch stimmige Argumente und Konzeptionen.

Ausgesprochen diffizil wird es bei der Frage, wie soziale Teilhabe und Partizipation in respektvoller und gegenseitiger Anerkennung in Schulen konkretisiert werden sollen. Denn der schulische Auftrag legt es nahe, bei den Schülerinnen und Schülern hauptsächlich ihr Leistungsstreben unter Konkurrenzbedingungen zu bewerten.

Noch fragwürdiger kann die Einlösung der Inklusionsidee werden, wenn man sich die soziale Wirklichkeit vieler Schulen anschaut. Leider gehören gegenseitige Häme, Mobbing, Erpressung und Gewaltausübung unter Schülern immer häufiger zum schulischen Alltag.

Der Einsatz von Beratungslehrern und Sozialarbeitern konnte diesen Tatbestand bislang nicht aus der Welt schaffen. Daher sollte der Inklusionsauftrag nicht allein darin bestehen, Schülerinnen und Schülern mit Behinderungen das Recht auf den Besuch des allgemeinen Bildungssystems zu erstreiten. Er sollte sich auch die Herstellung respektvoller Lehr-Lernsituationen im allgemeinen Schulsystem zur Aufgabe machen. Denn nur dann kann man Schülerinnen und Schülern mit und ohne Behinderungen sowie ihren Lehrkräften das gemeinsame Lernen und Lehren mit gutem Gewissen abverlangen.

Bei diesen offenen Fragen und Unklarheiten wäre verhängnisvoll, wenn man die Umsetzung der schulischen Inklusion allein nach dem Motto „Man muss es nur wollen!“ umsetzen würde.

Deshalb sei allen Eiferern ins Gebetbuch geschrieben: Die Diskussion um die Inklusion allein im Pro oder Contra zu führen, führt nicht weiter. Zumal die schulische Inklusion als ein Mittel, nicht aber als das eigentliche Ziel der UN-Behindertenkonvention zu verstehen ist. Primär geht es darum, allen Menschen die Achtung ihrer Würde zu gewährleisten, sie vor Diskriminierung zu bewahren, ihre Autonomie und Freiheitsgrade zu respektieren und ihnen – falls erforderlich – Unterstützung, Förderung und Schutz anzubieten.

Diese Ziele lassen sich jedoch nicht völlig unabhängig von Rand- und Rahmenbedingungen erreichen. Daher sollten die Inklusionsbefürworter wie ihre Kontrahenten in ihren Auseinandersetzungen die Entweder-oder-Position zugunsten einer Sowohl-als-auch-Perspektive aufgeben: So viel wie möglich gemeinsam, so viel wie nötig speziell. Zumal der Artikel 5 (4) der UN-Behindertenrechtskonvention vorsieht, dass besondere Maßnahmen zur Herbeiführung der tatsächlichen Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderungen nicht als diskriminierend gelten.

Die hierfür erforderlichen Entscheidungen sollten so weit wie möglich von den Betroffenen selbst getroffen, so viel wie nötig durch Fachleute veranlasst werden. Diese Fachleute brauchen ihrerseits möglichst viel Vertrauen, müssen aber andererseits ihre Entscheidungen den Betroffenen wie der Öffentlichkeit gegenüber mit sachlichen Argumenten rechtfertigen können. Mit diesen Abwägungen erhöht sich die Wahrscheinlichkeit für eine person- und situationsspezifisch gerechte Lösung erheblich.

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