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Nwz-Kolumne: In Deutschland ist die Vernunft 79

22.06.2019

Oldenburg Wer dieser Tage durch die sozialen Netzwerke streift, kann nur staunen: Kaum je ging es dort flächendeckend so brutal zur Sache. Die AfD-Debatte in der CDU und der Fall Lübcke haben einen regelrechten virtuellen Bürgerkrieg entfacht, der mit harten Bandagen ausgetragen wird.

Besonders munter geht es da zwischen zwei, sich in herzlicher Abneigung zugetanen, CDU-Gruppierungen zu. „Werteunion“ und „Union der Mitte“ beharken sich auf eine Weise, dass man sich fragt, warum diese Leute eigentlich noch gemeinsam in einer Partei sind. Urteilt man nur nach dem aktuellen Ton dieser „Debatte“, könnte man den Eindruck einer Partei gewinnen, die kurz vor der Spaltung steht. Vielleicht wäre das für die Union sogar besser so.

Unterdessen geht es massiv zur Sache gegen alles, was auch nur irgendwie als „rechts“ empfunden oder dazu erklärt wird. Die Wochenzeitung „Junge Freiheit“ kann man durchaus „rechts“ nennen. Nur, warum der Ex-CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz in diesem Zusammenhang eine historisch vollkommen verbrannte Brunnenvergifter-Metapher bemüht, bleibt sein Geheimnis. Gleiches gilt für einen „Zeit“-Autor, der auf Twitter insinuiert, „Bild“ und „Focus“ seien für die Radikalisierung des mutmaßlichen Lübcke-Mörders mitverantwortlich. Die Berlin Jusos haben schon vor der EU-Wahl mit einem gewaltschwangeren Foto geworben, das eine Frau mit Baseballschläger und die Parole „Nationalismus eiskalt abservieren“ zeigt. Den Vogel schießt aktuell der Tweet einer Unternehmerin ab, die „Rechte“ pauschal als auszumerzenden Krebs betrachtet. Was für sie aber genau „rechts“ ist, bleibt ungesagt. Also Jagd frei auf alles, dem man dieses Etikett ankleben kann!

Elitenversagen

Dies sind natürlich Verlängerungen von Befindlichkeiten aus der nicht-virtuellen Welt. Das Netz spiegelt nur. Kurz und gut: Offenkundig sind immer weniger Angehörige der politisch-intellektuellen Eliten willig oder in der Lage, Debatten über zentrale politische Themen zu führen ohne die sachliche Ebene zu verlassen und sich von Gefühlen übermannen zu lassen. Angesichts dieser Diagnose soll nichts gegen eine harte Auseinandersetzung gesagt sein – sehr wohl aber etwas gegen hysterisches Überschnappen.

Da tut ein Mann wohl, der, obwohl seine politische Karriere längst abgeschlossen ist, zurzeit wie ein Leuchtturm der Vernunft wirkt und gänzlich unbeeindruckt ein Bad im Haifischbecken der öffentlichen Debatte nimmt: Alt-Bundespräsident Joachim Gauck.

Dabei sagt er nicht einmal sensationell Neues. Gauck formuliert schlicht etwas, das in freiheitlich und demokratisch verfassten Gemeinwesen Konsens sein muss, sollen sie funktionieren. Er weist auf die Notwendigkeit von (Gesinnungs-)Pluralismus in solchen Gesellschaften hin, zu dem eine demokratische Rechte ebenso gehört wie eine demokratische Linke.

Es sind sehr einfache, klare Sätze, etwa über die AfD, die da fallen: „So lange eine Partei nicht verboten ist, sollten wir ihren Mitgliedern und Anhängern im Sinne der kämpferischen Toleranz vor allem mit Argumenten begegnen.“ Oder: „Toleranz fordert, nicht jeden der schwer konservativ ist, für eine Gefahr für die Demokratie zu halten und aus dem demokratischen Spiel am liebsten hinauszudrängen.“ Aber auch: „Wir müssen zwischen rechts – im Sinne von konservativ – und rechtsextremistisch und rechtsradikal unterscheiden.“

Zeitalter der Anbräuner

Dass solche Sätze vielfach als Provokation aufgefasst werden, sagt mehr über eine beginnende post-freiheitliche Zeit als über Joachim Gauck aus. Das gilt auch für seine Feststellung, „rechts“ sei zunächst einmal eine „Verortung im politischen Raum“, die noch nichts Negatives bezeichne. Bedeutsam ist darüber hinaus seine Kritik an der „68er Kultur“ und ihrem Habitus, alles als „Faschismus“ zu betrachten, was nicht mehr links sei. Damit nennt er einen Mechanismus beim Namen, der allerdings schon seit Jahr und Tag perfekt funktioniert. „Dem Zeitalter des Anstreichers ist das Zeitalter der Anbräuner gefolgt“, sagte 1982 Ernst Jünger in seiner Goethepreisrede.

Insgesamt ist es 2019 ein trauriger Befund, dass ein Alt-Politiker wie Joachim Gauck heute in Deutschland die Verkörperung politischer Vernunft sein muss. Es ist aber auch Ausweis für die hohe moralische und politische Integrität, für die praktizierte politische Toleranz eines Mannes, der in seinem Leben mehr als die meisten am eigenen Leib erfahren hat, was Diffamierung, Verunglimpfung und Zersetzung wirklich bedeuten.

Dr. Alexander Will Leiter Newsdesk / Mitglied der Chefredaktion (Überregionales)
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