Oldenburg - Der Redner ist voll des Lobes: über die Schiffe, die kamen und gingen und Waren aus aller Herren Länder brachten; über die Infrastruktur, die große Entfernungen überbrückte und Menschen zusammenrücken ließ; über den Fortschritt von Wissenschaft, Technologie und Wohlstand. Er bewundert eine Wirtschafts-, Sozial- und Rechtsordnung, die für die Ewigkeit gemacht ist, die Frieden, Sicherheit und Gerechtigkeit selbst noch im letzten Dorf gewährleistet. Die Angesprochenen, so der Redner, hätten „die Erde allen gemeinsam gemacht.“

Der gebürtige Bremer ist Professor für Alte Geschichte an der Uni Oldenburg und Vorsitzender des Philosophischen Fakultätentages, der Interessenvertretung der geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer in Deutschland. (Foto: privat)

Der gebürtige Bremer ist Professor für Alte Geschichte an der Uni Oldenburg und Vorsitzender des Philosophischen Fakultätentages, der Interessenvertretung der geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer in Deutschland. (Foto: privat)

Der dies sagt, ist kein Politiker, der eine Eloge auf die Globalisierung anstimmt. Sein Name ist Aelius Aristides und er lebte vor fast 2000 Jahren. Aristides war Grieche aus Kleinasien, römischer Bürger, öffentlicher Intellektueller und Berufsredner. Thema seiner Rede „Auf Rom“, die 143 n. Chr. in der Tiberstadt gehalten wurde, ist die Herrschaft der Römer über ihr Weltreich, das im 2. Jahrhundert von Britannien bis nach Ägypten, vom Atlantik bis an den Tigris reichte. Aus der Rede sprechen ein unerschütterlicher Fortschrittsoptimismus und das Lebensgefühl einer Zivilisation, die buchstäblich im Zenit angekommen war. Die römische Welt bei Aristides ist ein Imperium, in dem wir gut und gerne leben, besser als alle früheren Generationen und besser zumal als all die armen Teufel, die nicht das Glück haben, an den Segnungen der römischen Zivilisation teilzuhaben.

Der Optimismus des Redners kommt uns bekannt vor? Das selbstverständliche Einpreisen von Wirtschaftswachstum, technologischer Deflation und Globalisierungsdividende ist der Moderne zum Glaubenssatz geworden. Seit dem letzten Krieg geht es jeder Generation von Kindern besser als ihren Eltern. Das hinterlässt Spuren im Identitätshaushalt: Kaum jemand zweifelt daran, dass die Party immer so weitergehen wird.

Hundert Jahre nach Aristides‘ Romrede stand die Sicherheitsarchitektur des Imperiums vor dem Zusammenbruch. Germanische Stämme im Westen und Perser im Osten zogen plündernd durch Provinzen, die jahrhundertelang nur den Frieden gekannt hatten. Mit Mühe und Not bekamen die Kaiser die Krise noch einmal in den Griff.

Doch noch einmal 200 Jahre später war von der Weltzivilisation, die Aristides in den höchsten Tönen gelobt hatte, kaum noch etwas übrig. Der Handel war zum Stillstand gekommen, die Meisten verzehrten wieder das, was sie auf eigenem Acker produzierten.

„In the long run, we are all dead“ („Auf lange Sicht sind wir alle tot.“), wusste John Maynard Keynes. Die beklemmende Gewissheit, dass das nicht nur für Individuen gilt, sondern auch für ganze Gesellschaften, ist die vielleicht faszinierendste Lektion aus der Alten Geschichte, die schließlich der komplette Zyklus des Werdens und Erlöschens einer semi-globalen Zivilisation ist.

Globalisierung ist nicht nur machbar, Herr Nachbar, sie ist auch reversibel. Heute legt die disruptive Kraft des Virus SARS-CoV-2 die Schwächen der Dogmatik des „Immer Mehr“ offen. Es zeigt, wie verwundbar selbst noch moderne Gesellschaften sind. Und dass sich seit den Tagen des Aelius Aristides gar nicht so viel verändert hat.