Oldenburg - In diesen verrückten Corona-Tagen ist wieder zu besichtigen, woran Bildung in Deutschland krankt. Besonders im Blickpunkt: die Reifeprüfung. Sechzehn Bundesländer kochen jedes für sich ihr Süppchen und setzen es Lehrern, Schülern und Eltern vor. Hier wird diskutiert, die Abiturprüfungen wie geplant durchzuführen, dort, sie zu verschieben, und wieder woanders wird über ein Notabitur wie zu Kriegszeiten nachgedacht.

Autor dieses Textes ist Michael Sommer (49). Der gebürtige Bremer ist Professor für Alte Geschichte an der Universität Oldenburg und Vorsitzender des Philosophischen Fakultätentages, der Interessenvertretung der geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer in Deutschland. (Foto: privat)

Autor dieses Textes ist Michael Sommer (49). Der gebürtige Bremer ist Professor für Alte Geschichte an der Universität Oldenburg und Vorsitzender des Philosophischen Fakultätentages, der Interessenvertretung der geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer in Deutschland. (Foto: privat)

Dass etwas faul ist im Bildungsstaate Deutschland und dass die Hochschulreife ein besonderer Knackpunkt ist, darüber haben jetzt Mathias Brodkorb und Katja Koch in einem Buch nachgedacht. „Der Abiturbetrug“ heißt das schmale, mit flotter Feder geschriebene Bändchen, und der Untertitel lässt keine Zweifel daran, wo die Autoren den Feind ausgemacht haben: „Vom Scheitern des deutschen Bildungsföderalismus“. Die Verfasser wissen wovon sie schreiben. Brodkorb war Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur in Mecklenburg Vorpommern, Koch ist Professorin für Sonderpädagogik in Rostock. Wie kann man das Abitur gerechter machen?, fragen die beiden.

Normalerweise lautet die Antwort auf diese Frage, man müsse mehr Kindern aus bildungsfernen, benachteiligten Milieus zum Abitur verhelfen. Bildungsgerechtigkeit, so heißt es, sei vor allem ein Problem des Zugangs zu höheren Bildungsabschlüssen.

Brodkorb und Koch wählen einen anderen Ansatz. Sie bemängeln die Ungleichheit der Abiturstandards: Legt ein Schüler in Bayern oder Sachsen das Abitur ab, dann hat sein Zeugnis einen ganz anderen Wert als das eines Abiturienten aus Bremen oder Berlin. Die Qualität des Abiturs hängt außerdem von der Schulform und den Prüfungsfächern ab. Wo Abitur draufsteht, können de facto ganz verschiedene Sachen drin sein.

Die Diagnose ist nicht neu. Neu ist aber die Konsequenz, mit der hier ein Umsteuern gefordert wird. Anstatt mit Kaffeerunden wie der Kultusministerkonferenz und dem gescheiterten Bildungsrat, bundesweiten „Aufgabenpools“ und sogenannten Kernkurrikula vergleichbare Standards vorzugaukeln, sollten Bildungspolitiker sie festzurren: mit einem echten, bundesweiten Zentralabitur, Abschaffung des Kurssystems und Rückkehr zu einem Bildungskanon sowie einheitlichen Stundentafeln und Lehrplänen, schließlich mit verbindlichen Leistungsanforderungen in den Schlüsselfächern Deutsch, Mathematik und Englisch.

Brodkorb und Koch legen schonungslos die Schwachstellen des deutschen Bildungsföderalismus offen. Die je nach System ganz unterschiedlich verschlungenen Pfade zur Hochschulreife würden geradezu dazu einladen, sich das Abgangszeugnis durch Tricksereien zu erschleichen.

Dem setzen die Autoren ihr Modell entgegen: ein bundeseinheitliches Zentralabitur ohne viel Wahlfreiheit, dafür aber mit garantierten Standards und verbindlichem Kanon.

Die Chancen, dass solch ein „Abitur auf dem Bierdeckel“ Wirklichkeit werden könnte, sind denkbar gering. Dem stehen die Beharrungskräfte des deutschen Föderalismus entgegen. Aber man wird ja noch träumen dürfen.