Oldenburg - In Nordrhein-Westfalen soll die Polizei künftig die Nationalität aller Tatverdächtigen nennen, ein entsprechender Erlass ist in Vorbereitung. Niedersachsen will das nicht, zum Ärger vieler Bürger. So hieß es zum Beispiel unlängst in einem Leserbrief an diese Zeitung, Innenminister Boris Pistorius setze damit die „Linie der Vertuschung“ fort.

Warum möchten wir wissen, ob eine Straftat von einem Deutschen oder von einem Ausländer begangen wurde?

Weil wir glauben, dass uns diese Information ein mögliches Motiv für die Straftat anbietet. Ein Ausländer, beispielsweise ein Araber, ist in einem anderen kulturellen Umfeld aufgewachsen als wir. Er könnte patriarchalische Strukturen kennengelernt und ein anderes Frauenbild haben. Er könnte Krieg und Unterdrückung erlebt und ein anderes Verhältnis zu Gewalt haben. Er könnte in einem instabilen Staat gelebt und nie Recht und Ordnung erfahren haben. Er könnte strengreligiöser Moslem sein und Andersgläubige für eine Bedrohung halten, die es zu bekämpfen gilt.

Aber wenn wir uns vorverurteilend ein Bild machen möchten, müssten wir dann nicht auch andere Informationen anfordern? Wollen wir nicht wissen, wie es um den sozialen Status und die Finanzlage eines Tatverdächtigen steht? (Geldmangel ist bekanntlich ein häufiges Motiv für Diebstahl und Raubmord.) Wäre es nicht wichtig zu wissen, ob der Verdächtige drogen- oder alkoholabhängig ist? (Sucht ist stärker als Gesetzestreue.) Hat er als Kind Gewalt oder Missbrauch erfahren? (Die meisten Täter waren zuvor selbst Opfer, sagt die Statistik.) In welcher Beziehung standen Tatverdächtiger und Opfer? (Den größten Teil der Gewalttaten und Morde in Deutschland begehen Männer an ihren Partnerinnen.) Wie steht es um seine Bildung, welchen Schulabschluss hat er? Gibt es psychische Belastungen, gab es Ausgrenzung, eine schwierige Trennung, einen Verlust, ein soziales Trauma? Spannend finde ich ja auch die Frage nach der Religion bei Deutschen: Gibt es eigentlich Statistiken darüber, ob christlich sozialisierte und gläubige Menschen (Du darfst nicht töten, Du darfst nicht stehlen) weniger Straftaten begehen als Atheisten?

Es ist die Aufgabe der Polizei, das Motiv für eine Straftat zu ermitteln. Das ist mühsam und dauert häufig lange. Es ist deshalb menschlich, dass wir selbst nach Erklärungen suchen. Wir wollen verstehen, weshalb es zu einer Straftat gekommen ist; wir wollen abschätzen, wie gefährdet wir sind, selbst Opfer zu werden. Wer aber bei dieser Suche nach Erklärungen allein die Nationalität eines Verdächtigen für eine wichtige Information hält, muss wissen, dass es dafür nur einen Grund gibt: Rassismus.