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NWZonline.de Nachrichten Politik Meinung

Zu Unrecht vergessener Dichter

12.07.2018

Oldenburg Er ist einer der schillerndsten deutschen Dichter. Er war wirkungsmächtig durch seine Verse und sein Charisma – und er ist heute fast völlig vergessen. Am 12. Juli jährt sich der Geburtstag Stefan Georges zum 150. Mal. Sein Werk ist vergleichsweise schmal: neben Übersetzungen und Nachdichtungen umfasst es grade einmal zwölf Bände - alles Gedichte. Von denen allerdings gehören nicht wenige zum Anrührendsten, das jemals in deutschen Versen geschrieben worden ist.

Doch George war zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch aus einem anderen Grund in aller Munde – nicht nur bei denjenigen, die sich für Literatur interessierten. Der Mann aus Bingen verstand es, durch sein enormes persönliches Charisma einen Kreis außergewöhnlicher, oft sehr junger Männer mit völlig unterschiedlichem Hintergrund um sich zu versammeln, sie stark und nachdrücklich zu prägen und damit das Geistesleben Deutschlands und Europas zu beeinflussen. Schon zu Lebzeiten war dieser Kreis sagen- und geheimnisumwittert, spielte doch auch die damals verbotene und verfolgte Homosexualität, oft getarnt als „pädagogisches Eros“ dort eine gewichtige Rolle.

Vielen, nicht nur aus dem unmittelbaren Kreis, galt George sogar als eine Art Prophet - nicht nur für eine neue Art des Dichtens, sondern auch für eine neue Geisteshaltung, die das Innere und Göttliche zu fühlen und zu erleben bestrebt war. George lehnte den ersten Weltkrieg ab, Kriegseuphorie kannte er nicht. Seine Verse aus dieser Zeit sind voller düsterer Prophetie, die er nach der Katastrophe von 1918 bestätigt sah.

Auch das machte ihn in der Weimarer Republik zum Idol der Jugend. George vermochte, Orientierung und Sinn zu geben – obwohl seine Gedichte alles andere als leichte Kost sind. Außergewöhnlich für Zeit der Weimarer Republik, die vor allem extreme politische und ästhetische Polarisierung kannte: Georges „Fans“ spiegelten die Verhältnisse Deutschlands. Da waren Nationalisten und Republikaner, zionistische Juden und Antisemiten.

So wurden der engere und weitere George-Kreis nach 1933 zu einem Spiegelbild der deutschen Verhältnisse: Juden wie Karl Wolfskehl und Ernst Kantorowicz gelang die Flucht, der brillante, heute fast vergessene Percy Gothein wurde ermordet. Andere Georgeianer kollaborierten mit den Nazis. Wieder andere leisteten, wie Claus v. Stauffenberg, spektakulär Widerstand.

Es ist nämlich kein Zufall, dass Stauffenberg wurde, was er war: Hitler-Attentäter. Für ihn war die Zeit im George-Kreis lebensprägend. Georges Gedicht „Der Widerchrist“, in dem man den „Fürst des Geziefers“ leicht als „Hitler“ lesen kann, zitierte er mehrfach vor der Tat. Ob er wirklich vor seiner Erschießung „Es lebe das geheime Deutschland!“ gerufen hat, oder ob es sich eher um das „heilige Deutschland“ gehandelt hat, ist schwer umstritten und wird wohl ewig ungeklärt bleiben. Das wäre aber ein Bezug auf Georges Gedicht „Das geheime Deutschland“ gewesen.

Und der Dichter selbst? Die Nazis versuchten ihn zu vereinnahmen. Sie verwechselten wohl die rein geistige Bedeutung seines letzten Gedichtbandes „Das neue Reich“ (1928) mit ihrem totalitären Projekt. Goebbels bot George die Präsidentschaft einer neuen „Akademie für Dichtung“ an. Der Dichter lehnte ab und zog sich in die Schweiz zurück, wo er 1933 starb.

George-Kreise gibt es auch heute noch in Deutschland. Sie pflegen, wenig beachtet von der Öffentlichkeit, noch immer die Verehrung ihres „Meisters“ und eine obsessive Genealogie. Jenseits solcher hermetischer, etwas bizarrer Kreise aber bleibt eines: Die unbedingte Empfehlung, Georges Dichtung wieder zu entdecken.

Literaturempfehlungen:

Stefan George, Gedichte. Reclam Verlag, 2004, 7,80 Euro.

Thomas Karlauf: Stefan George, Biografie. Blessing, 2007, 29.95 Euro.

Ulrich Raulff: Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben. DTV, 2012, 16.90 Euro.

Dr. Alexander Will
Leiter Newsdesk
Politikredaktion
Tel:
0441 9988 2092

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Reclam | Nordwest-Zeitung

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