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NWZonline.de Nachrichten Politik Meinung

Kratzer am Kanzler-Denkmal

06.11.2018

Oldenburg Übermenschlich große Denkmale laden zu ihrem Sturz ein. Das war immer so, wird immer so sein, und das gilt auch für Willy Brandt, den mit einem Heiligenschein versehenen deutschen Kanzler und SPD-Vorsitzenden. Der Historiker Michael Wolffsohn verfällt dieser Versuchung in seinem neuen Band über Brandt jedoch nicht. Das tut der Studie über den „Friedenskanzler“ gut. Der emeritierte Professor der Bundeswehruni in München kämpft um ein ausgewogenes Urteil, spart jedoch nicht an scharfer Kritik. So sorgt das Buch für ganz erhebliche Kratzer am Denkmal Brandt, stürzt es aber nicht und will das auch nicht.

Brand gilt wegen seiner Ostpolitik als „Friedenskanzler“. In seiner Nahost- und Israelpolitik war er hingegen weit weniger glücklich, beging schwerste Fehler und verschenkte die Möglichkeit, einen Krieg zu verhindern. All das zeigt Wolffsohns Studie. Sie behandelt drei Schlüsselkomplexe Brandt’scher Außen- und Sicherheitspolitik: Die Ostpolitik, die im Kniefall in Warschau ihr Symbol fand. Den Terror rund um die Olympischen Spiele in München und schließlich die deutsche Politik vor und während des Jom-Kippur-Krieges 1973.

Gelegentlich gibt es redundante Stellen, das liegt daran, dass dieses Buch auf bereits erschienen, allerdings sehr viel kürzeren Texten beruht. Wolffsohn nutzt deutsche und israelische Quellen. Der Text ist schwungvoll und führt beim Leser zu äußerster Wachheit, grade weil er stilistisch auch einmal nah an der Polemik entlang schrammt.

Bundeskanzler Willy Brandt kniet am 7. Dezember 1970 vor dem Ghetto-Mahnmal in Warschau. (Foto: dpa)

Brandts Kniefall in Warschau im Dezember 1970 gilt heute als bewegender Ausdruck von Friedenspolitik. Wolffsohn putzt das emotionale Beiwerk hinweg. Er vermag zu zeigen, wie diese Geste das Denkmal für die Aufständischen des Warschauer Ghettos entjudaisierte und dafür polonisierte. Im Ghetto wurden Juden getötet, weil sie Juden waren – die Öffentlichkeit nahm den Kniefall aber als Bitte um Verzeihung bei Polen wahr. Wolffsohn: „Dieser Ghetto-Gedenkort wurde seit dem Kanzler-Kniefall quasi ,judenrein.“ Die Ostpolitik habe zudem immer Primat gehabt, schreibt der Historiker, – das Verhältnis zum Staat der Juden, zu Israel und dem jüdischen Volk insgesamt habe Brandt dieser untergeordnet. So weigerte sich die Brandt-Regierung etwa, sich für verfolgte Juden in Polen einzusetzen – obwohl dort 1968 eine antisemitische Verfolgungswelle stattgefunden hatte: „Judenpolitik war … ein Störfaktor der Brandt’schen Friedens- und Ostpolitik. … Ostpolitik war Gegenwart, Holocaust Vergangenheit…“

Der ausgebrannte Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes in Fürstenfeldbruck. Dort versuchten am 6. September 1972 deutsche Sicherheitskräfte in einer dilettantischen Aktion israelische Geiseln zu befreien. (Foto: dpa)

Das durchaus distanzierte Verhältnis Brandts und Deutschlands zu Israel wird in den weiteren Kapiteln deutlich. Das eklatante, hochnotpeinliche Versagen der deutschen Behörden und Sicherheitskräfte während der Geiselnahme der israelischen Mannschaft ist oft beschrieben worden – Wolffsohn komprimiert dieses unmittelbare Geschehen geschickt und lenkt den Blick auf die folgenden Ereignisse: 1972 entführten arabische Terroristen eine Lufthansa-Maschine, um die überlebenden arabischen Olympia-Killer freizupressen. Die Brandt-Regierung ging gegen energischen Protest der israelischen Regierung auf diese Erpressung ein – und bekam von Arafats Fatah-Organisation die Zusicherung, dass es keine weiteren Aktionen gegen die Bundesrepublik geben würde. Wolffsohn konstatiert „Frieden durch Kapitulation, Gratifikation des Terrors“.

Jom-Kippur-Krieg: Israels Verteidigungsminister, General Mosche Dajan (links), mit Generalmajor Ariel Scharon am 19. Oktober 1973 nach dem erfolgreichen israelischen Gegenangriff auf der ägyptischen Westseite des Suezkanals. (Foto: DPA)

Ein Jahr später, im Oktober 1973, kam es noch schlimmer. Israels Ministerpräsidentin Golda Meir hatte Brandt bei einem Besuch in Israel gebeten, dem ägyptischen Präsident Anwar al-Sadat persönlich ein Friedensangebot, inklusive des Angebots einer Räumung der unter israelischer Kontrolle stehenden Sinai-Halbinsel, zu überbringen. Wolffsohn zeichnet in seinem Text ein faszinierendes Bild, wie dieses historische Angebot zunächst durch Brandts Desinteresse sowie seiner Vorstellung von „ausgewogener Nahostpolitik“ im deutschen Behörden-Dschungel versandete und schließlich von antiisraelischen, proarabischen Kreisen im Auswärtigen Amt regelrecht hintertrieben wurde. Wolffsohn: „Friedenskanzler Brandt hat 1973 den Nahostkrieg nicht verhindert. Er hätte es gekonnt.“

Michael Wolffsohn hat ein wichtiges Buch geschrieben. Über die faszinierenden unmittelbaren Zusammenhänge hinaus zerstört es zum einen die Legende von den „immer bessere Beziehungen“ zwischen Deutschland und Israel sowie der israelischen Sicherheit als deutscher „Staatsräson“.

Zum anderen führt es zum Kern des deutschen Missverständnisses in Sachen Israel: Deutsche und Juden haben aus der Shoah gänzlich unterschiedliche Lehren gezogen. Die Deutschen: „Nie wieder Täter mit Gewalt!“ Die Juden: „Nie wieder Opfer durch Gewalt!“ Wolffsohn weiter: „Die Folge: Deutsche, Juden und besonders Israelis: ,Sie können einander nicht finden.“

•   Michael Wolffsohn: Friedenskanzler? Willy Brandt zwischen Krieg und Terror. DTV, 175 Seiten, 18 Euro.

Dr. Alexander Will
Leiter Newsdesk
Politikredaktion
Tel:
0441 9988 2092

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