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NWZonline.de Nachrichten Politik Meinung

Gegen Stoppschilder für freies Denken

26.02.2019

Oldenburg In Zeiten der Framing-Diskussion kommt dieses Buch eben recht: Alexander Kissler, Kulturchef des Magazins „Cicero“, hat sich politische Phrasen vorgenommen. Die seziert er ebenso klug wie gnadenlos, denn „die Phrase beginnt, wo das Denken endet. ... Sie will Einverständnis, nicht Eigensinn. Akklamation nicht Reflexion.“

Das ist schon einmal gut gebrüllt – sind doch politische Phrasen wie „Wir schaffen das“, „Haltung zeigen!“ oder „Das ist alternativlos“ nicht nur sprachliche Blindladungen, die „den irrigen Eindruck (vermitteln), sie wären das Ergebnis langen Nachdenkens“. Sie sind auch Versuche, Debatten in einen gewünschten Rahmen zu lenken, um dessen Überschreitung als unzulässig zu brandmarken. Wie Phrasen gezielt geschöpft werden, ist im jüngst bekannt gewordenen ARD-Framing-Manual zu besichtigen.

Kisslers Buch ist im Gegensatz zu dieser grässlichen Quelle ein feiner Lesegenuss. 15 Phrasen und Begriffe hat er sich vorgenommen, die alle aus der politischen Debatte der vergangenen drei bis vier Jahre stammen. Dabei bewegt sich Alexander Kissler auf der Fährte großer Vorgänger und ist sich dessen auch bewusst.

Wenn da Namen wie Ambrose Bierce und Léon Bloy auftauchen, wird klar, dass sich wache Geister schon immer mit der Instrumentalisierung und dem Missbrauch von Sprache zur Sedierung des Menschen beschäftigt haben. Es ist eine große Freude, hier wieder auf sie zu stoßen.

Kisslers „Widerworte“ regen in diesem Sinne eben auch an, sich noch einmal „Des Teufels Wörterbuch“ und die „Auslegung der Gemeinplätze“ vorzunehmen. Das ist überhaupt das Feine an den „Widerworten“: Der Autor hat immer ein Auge auf die europäische Geistesgeschichte gerichtet. Marx, Stirner, Mill – das ist nicht nur gelehrt, das ist auch hochgradig unterhaltsam. Insbesondere gilt das, weil das Gesamtbild am Ende doch plastisch erscheint. Wie Phrasen die aktuelle politische Gegenwart prägen, wie sie das heutige politische Getriebe mit „verbalem Treibsand“ durchsetzen – darauf richtet Kissler nämlich das andere, durchdringende Auge. Da spürt der Leser historisches Bewusstsein, wie es – nicht nur – den Phrasendreschern der Berliner Republik abgeht.

Die Phrase „Das ist alternativlos“ erledigt Kissler im Grunde auf ganzen zwei Seiten – und doch ist das, was er in diesem Kapitel danach entwickelt, wichtig, um sich den Grundsatz freien Lebens einmal mehr in den Sinn zu rufen: „Wer der offenen Gesellschaft das Wort redet, der ist auf ein Denken in Alternativen zwingend angewiesen.“ Das gehört hinter den Spiegel der Merkels und Schröders, der Priester politischer Alternativlosigkeit.

Wer also wissen will, zu welchen Absurditäten die Phrase „Vielfalt ist unsere Stärke“ führen kann, welcher Zynismus aus „Willkommenskultur ist der beste Schutz vor Terrorismus“ spricht und warum „Gewalt ist keine Lösung“ zu zivilisatorischer Erosion führen kann, wird von Kissler bestens bedient. Vor allem aber ist sein Buch jenseits der Einzelfälle im besten Sinne aufklärerisch: Es ist ein massiver Anstoß zum freien Denken in Zeiten verführerischer Konfektionsüberzeugungen, die im sprachlichen Gewand eben jener Phrasen daherkommen. Kissler: „Eben darum muss mit Phrasen Schluss sein: damit das Denken beginnen und die Freiheit wachsen kann.“

Alexander Kissler: Widerworte. Warum mit Phrasen Schluss sein muss. Gütersloher Verlagshaus, 2019, 204 Seiten, 14,99 Euro.

Dr. Alexander Will Leiter Newsdesk / Politikredaktion
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