Oldenburg - Leere Sitze, leere Kassen: In der Corona-Krise brechen den öffentlichen Verkehrsunternehmen die Umsätze weg. Busse und Bahn bleiben leer, Hunderte Flugzeuge werden auf einsamen Pisten geparkt. Wer nicht im Homeoffice arbeiten kann, steigt in der Krise auf andere Verkehrsträger um: meist aufs Fahrrad oder Auto. Doch wie geht es nach der Krise weiter? Wir blicken auf vier Verkehrsträger:
Das Auto
Eine Abwrackprämie wie nach der weltweiten Finanzkrise 2009 ist im Konjunkturprogramm des Bundes nicht vorgesehen. Aus Sicht der Branche und ihrer Zulieferer unverständlich, weil derzeit Tausende Benziner „auf Halde“ stehen. Aus dem Blickwinkel der Verbraucher nicht unbedingt ein Nachteil. Viele Unternehmen gewähren hohe Rabatte. Zudem besinnt sich die Branche auf ihre Innovationsfähigkeit. Elektromobilität heißt das Zauberwort. Unter dem Druck von Tesla, das selbst im Krisen-Vierteljahr von April bis Juni einen Überschuss von 104 Millionen Dollar eingefahren hat, bauen die Autobauer massiv ihre Produktpalette um. Volkswagen gibt Milliarden aus für seine Fabriken, unter anderem in Emden, und präsentiert mit dem ID.3 einen veritablen Nachfolger des Golf.
Prognose: Das Auto bleibt der Deutschen liebstes Kind.
Das Flugzeug
Die Flugzeughersteller produzieren trotz schmerzhafter Schrumpfkur auf Halde. Ein Beispiel: Airbus hat im Mai keine neue Bestellung erhalten und nur 24 Maschinen an die Kunden übergeben können. Die meisten davon waren kleinere Flugzeuge der Familien A 220 und A 320, nur vier waren Großraum-Jets. Die Lage der Flugzeughersteller und ihrer Zulieferer ist desaströs. Es droht der Verlust Tausender hoch qualifizierter Industrie-Arbeitsplätze. Prognose: Zwar wird die Lust auf Flugreisen wieder zunehmen. Es dürfte aber mehr als ein Jahrzehnt dauern, bis die Branche wieder zu alter Größe fliegt.
Die Bahn
Zu unzuverlässig, zu teuer, defekte Klimaanlagen im Sommer: Kaum ein Verkehrsmittel wird in Deutschland so beschimpft wie die Bahn. In der Corona-Krise brachen die Passagierzahlen um bis zu 90 Prozent ein. Doch die Bahn fuhr und zeigte, dass es eine Zukunft nach Corona geben kann. Erste zarte Hinweise gibt es: eine bessere Kundenkommunikation auf dem Bahnhof, eine neue Freundlichkeit beim Ein- und Ausstieg, mehr Pünktlichkeit. Und auch in puncto Sauberkeit will das Unternehmen nachlegen. Ab August sollen 600 „Unterwegsreiniger“ in Zügen zum Einsatz kommen. Wie die Zukunft der Bahn aussehen könnte, ist in einem Gewerbegebiet vor den Toren Frankfurts zu sehen. Da wurde ein Doppelstockwaggon zum „Ideenzug“ umgebaut: Einzelkabinen mit Ledersessel und großem Bildschirm, Fitnessraum mit Hometrainer, aber auch ein Stammtisch für die Reisegesellschaft. Die Modulbauweise sei die richtige Antwort auf die individualisierte Gesellschaft, erklärt Andreas Schilling von der DB Regio. Das gilt erst recht in Corona-Zeiten, wo Abstand angesagt ist. Da ist der Weg zum guten alten Abteil mit Plüschsitzen und zum Nacht-Express für die Fernreise nicht mehr weit. Prognose: Die Bahn wird weiterhin Milliarden brauchen, um aus der Krise zu fahren. Aber wenn sie sich auf ihre eigentlich Stärke, das Reiseerlebnis, besinnt, kann sie im Fernverkehr Kunden vom Flugzeug zurückholen.
Das Rad
Kaum öffneten die Geschäfte nach dem Lockdown wieder, rannten die Kunden den Fahrradhändlern die Bude ein. Von einem Umsatzplus im Mai von bis zu 100 Prozent spricht David Eisenberger von Zweirad-Industrieverband. Wurden im Vorjahr 4,31 Millionen Einheiten verkauft, was einem Plus von 3,1 Prozent entspricht, rechnet die Branche in diesem Jahr mit deutlich höheren Zahlen. Aus Angst vor Ansteckung bleiben viele Nutzer dem ÖPNV fern – und entdecken das Rad. Vor allem die Nachfrage nach elektrisch angetriebenen Rädern ist stark gestiegen. Das E-Bike, anfangs als Seniorenrad verspottet, dient inzwischen vielen Pendlern zur Bewältigung des täglichen Arbeitsweges. Um Stau und Parkplatzproblemen zu entgehen, steigen immer mehr Handwerker und Händler aufs Lastenfahrrad um. Und wer kannte schon vor der Corona-Krise den Begriff „Pop-up-Bike-Lanes“? Das sind Radfahrspuren, die mit Farbe, Bake oder Hütchen von normalen Straßen abgezwackt werden, um die Radfahrer von den Autos zu trennen. Städte wie Berlin, Stuttgart, München oder Düsseldorf läuten damit schon die Verkehrswende ein. Niedersachsens Landeshauptstadt Hannover baut bis 2030 zwölf schnelle Radrouten, die aus allen Stadtbezirken in die Innenstadt führen.
Fazit:
Das im Nordwesten so beliebte Fahrrad ist DER Gewinner der Krise, weil es individuelle Mobilität und Klimaschutz zusammenbringt. Doch wie bei den Verkehrsträgern Flugzeug, Bahn und Auto sind massive Investitionen in die Infrastruktur erforderlich, um sicheres und umweltfreundliches Reisen in der Nach-Corona-Zeit zu ermöglichen. Das fängt beim Schienennetz an und hört bei den Ladesäulen für die E-Autos auf.
