• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • Veranstaltungskalender
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
  • Über uns
 
NWZonline.de Nachrichten Politik Meinung

Zum Ende Des Steinkohlenbergbaus: NWZ-Analyse: Endgültig Schicht im Schacht

17.08.2018

Oldenburg Bald ist der deutsche Steinkohlenbergbau endgültig Geschichte, nur noch zu besichtigen im Bergbaumuseum Bochum. Denn bis Ende dieses Jahres wird die letzte aktive Zeche im Ruhrgebiet, Anthrazit in Ibbenbüren, die Förderung einstellen.

Das „Grubengold“ war der Treibstoff des Wiederaufbaus. Dann flossen über Jahrzehnte 150 Milliarden Euro in eine nicht mehr konkurrenzfähige Branche. Jetzt wird die Steinkohle zu Grabe getragen

Immerhin mehr als 150 Jahre hat der industrielle Abbau der Kohle das Ruhrgebiet geprägt. Nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Höhepunkt der Produktion, waren noch mehr als eine halbe Million Menschen in den Zechen beschäftigt. Der Steinkohlenbergbau galt als eine Schlüsselindustrie für das deutsche Wirtschaftswunder, die mehr Arbeitsplätze bereitstellte als heute die deutsche Chemieindustrie. Nach dem Krieg hat die Kohle uns in der jungen Bundesrepublik Deutschland – um es einmal im ungeschminkten Ruhrgebietsdeutsch zu sagen – „den Arsch gerettet“.

Klare Kante, Auskunft über einen robusten Realismus. Die Malocher-Haltung hat das Ruhrgebiet immer geprägt. Die Kohle hat Wohlstand gebracht, und sie hat Identität und Selbstverständnis geprägt. Harte Arbeiter, permanente Zuwanderung und Stolz auf die unverzichtbare Arbeit schufen eine eigene Kultur und eine eigene Begriffswelt wie „Motteck“ (dicker Hammer) oder „schlagende Wetter“ (explosionsgefährliches Gasgemisch unter Tage), Und „vor Ort“ war da, wo die Kohle bei mehr als 30 Grad Celsius abgebaut wurde.

Die Steinkohle war nicht nur Heizmaterial, mit der man auch noch Stahl produziert konnte. Aus den Abfällen der Steinkohle entwickelten Chemiker noch vieles mehr: das Gas für die Straßenbeleuchtung in den Städten, die modernen synthetischen Farben, pharmazeutische Erfindungen bis hin zum Aspirin, die ersten Kunststoffe wie Bakelit, die Perlonstrumpfhose und Margarine. Lang, lang ist es her.

Die Haltung der Menschen im Ruhrgebiet ist geblieben, aber die Zeiten haben sich kolossal geändert.

Im Preis- und Wettbewerbsvergleich mit Importkohle aus Ländern, in denen der Rohstoff nicht aus so großen Teufen (Tiefen) liegt, hatte die aus immer tieferen Tiefen gewonnene deutsche Kohle das Nachsehen. Rund 150 Millionen Tonnen Steinkohle wurden früher aus 173 Zechen in einem einzigen Jahr gefördert. Mehr als zwei Drittel des deutschen Energieverbrauchs stammten aus heimischer Steinkohle. Mit billigem Erdöl, Gas und auch Strom aus den neuen deutschen Atomkraftwerken begann in den sechziger Jahre der schleichende Niedergang. Auch weil zusätzlich immer mehr billige Importkohle auf den Markt kam.

So wurde die deutsche Steinkohle zum größten Subventionsempfänger des Landes. Aber man muss auch sagen, dass in den deutschen Steinkohlebergbau sehr viel in die Sicherheit für die Kumpel investiert wurde. Das war in anderen Ländern wie Polen, China oder Russland nicht der Fall. Im Gegenteil.

Und jetzt?

Es wird viel Nostalgie, Wehmut und Verklärung mitwehen, wenn der Deckel auf dem letzten Schacht ist. Aber: Respekt vor Tradition und Geschichte und aller Vorbildlichkeit, die dieser Schmelztiegel in Sachen Integration zugewanderter Arbeitskräfte bewiesen hat. Ich bin in den 70er Jahren mit Italienern und Türken zur Schule gegangen, wir haben zusammen im Fußball-Verein gespielt und uns für dieselben Mädchen interessiert.

Rund 50 Millionen Tonnen Kohle liegen noch unter der Erde. Und da werden sie auch bleiben. Die Tage des Kohlebergbaus sind in Deutschland gezählt.

Wohl niemals zuvor ist eine Branche mit so viel Pomp zu Grabe getragen worden. Andere Wirtschaftszweige, man denke an den Niedergang der einst etliche tausend Arbeiterinnen beschäftigenden Textilindustrie, erlitten ein stilles Ende. Aber auch kaum eine Branche war wohl so identitätsstiftend wie der Steinkohlenbergbau im Ruhrgebiet.

Auch nach der Zeit des Steinkohlebergbaus werden die sogenannten Ewigkeitslasten weiter hohen Kosten verursachen. Dazu gehört etwa das Abpumpen des Wassers aus den Stollen und Schächten, die den Boden durchlöchern wie der berühmte Schweizer Käse. Das soll aus den Erträgen der Ruhrkohle-AG-Stiftung bezahlt werden, die dafür bisher 4,7 Milliarden Euro angesammelt hat.

Aber ich glaube auch: Erst wenn der Bergbau Geschichte ist, kann sich das Ruhrgebiet endgültig emanzipieren und mit den Pfunden wuchern, die es nun hat.

Einwilligung und Werberichtlinie

Ja, ich möchte den Wirtschafts-Newsletter der Nordwest Mediengruppe erhalten. Meine E-Mailadresse wird ausschließlich für den Versand des Newsletters verwendet. Ich kann diese Einwilligung jederzeit widerrufen, indem ich mich vom Newsletter abmelde (Hinweise zur Abmeldung sind in jeder E-Mail enthalten). Nähere Informationen zur Verarbeitung meiner Daten finde ich in der Datenschutzerklärung, die ich zur Kenntnis genommen habe.

Und so ehrlich müssen wir auch sein: Die Diskussion über den Klimaschutz konzentriert sich heute fast immer auf den Ausstieg aus der Kohleindustrie. Daher ist die Abschaltung von Kohlekraftwerken und ihren rauchenden Schloten politisch symbolträchtig. Das hilft ungemein, ein politisches Jahrhundertthema populär zu illustrieren. Jedoch beschränkt sich die Reduzierung von Kohlendioxid-Emissionen keineswegs auf diese Industrie. Auch die Bereiche Verkehr, Landwirtschaft, Abfallwirtschaft, Abwasser und Gebäude hat die Bundesregierung ehrgeizige Ziele vereinbart – wenn auch ihre Einhaltung unrealistischer denn je ist.

Deshalb sage ich: Danke, Kumpel. Und natürlich Glückauf.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.