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NWZonline.de Nachrichten Politik Meinung

„Wir haben Mao geliebt“

18.12.2018
Frage: Sie sagen, es war vor wenigen Jahren in China liberaler als heute. Das ist erstaunlich… Wie kommen Sie zu dieser Diagnose?
Xiaoping Hu: Vor zehn oder 15 Jahren unter Jiang Zemin und in den 80er Jahren unter Deng war es relativ liberal. Das betrifft die Presse oder die Literatur. Aber jetzt hat Xi Jinping ja sogar die Verfassung geändert, und die zeitliche Begrenzung der Amtszeit abgeschafft. Das ist für China nicht gut. Auch die Presse wird sehr streng behandelt. Es wird alles sehr stark kontrolliert. Als wir kürzlich in China waren, sahen wir überall Kameras, und es wird überall sehr viel Polizei eingesetzt.
Frage: Wie empfinden Sie das? Und wie kommt es, dass sich die Dinge wieder zurück zum Autoritären entwickeln?
Autorin dieses Textes ist Xiaoping Hu. Sie wurde 1957 in Sichuan geboren. Die Zeit des Maoismus in China erlebte sie als Kind und junge Frau. Anfang der 90er Jahre kam sie zum Wirtschaftsstudium nach Deutschland. Heute lebt und arbeitet sie in Oldenburg. (Foto: privat)
Xiaoping Hu: Ich fühle mich in China nicht mehr so wohl wie noch vor zehn oder 15 Jahren. Die Welt – besonders der Westen – hat nach der wirtschaftlichen Liberalisierung politische Reformen erwartet. Aber dabei wurde eines übersehen: China wird von der kommunistischen Partei regiert, und die will die ganze Macht. Das ist ein Konflikt zwischen Ideologie und freier Wirtschaft. Wenn die Wirtschaft wächst, wird die Mittelschicht stark. Die wiederum versucht, ihre eigenen Ansichten zu äußern und politisch Einfluss zu gewinnen. Das hat die Kommunistische Partei nicht gern. Es gibt jetzt eine dünne Schicht, vielleicht 100 Familien, die sind sehr privilegiert. Sie haben sehr viel Geld. Aber die Kluft zwischen Reichtum und Armut wird immer größer.
Frage: Aber aus der Ferne betrachtet gibt es doch schon eine neue Mittelschicht?
Xiaoping Hu: Ja. In den letzten Jahren schon. Viele Menschen haben aber auch nicht von der wirtschaftlichen Öffnung profitiert. Darüber wird natürlich nicht berichtet, und man spricht auch nicht darüber.
Frage: Ist China nun noch ein kommunistisches Land?
Xiaoping Hu: Nein. Es sind nur einige Familien, die herrschen. Es bleibt beim autoritären Staat. Die Frage ist ja: „Was ist Kommunismus?“ Heute ist für mich die Antwort in China darauf eine Lüge. Es ist nicht mehr das, wovon ich als Kind geträumt habe.
Frage: Was war denn für Sie damals Kommunismus?
Xiaoping Hu: Damals war ich überzeugt. Ich habe mir darunter vorgestellt, dass alle gleich sind, und dass jeder haben kann, was er braucht, ohne Gier und ohne Geiz. Wenn jemand etwas hat, dann ist er bereit zu teilen. Das haben wir geglaubt. Wir dachten, im Westen gibt es viel Armut, und wir müssen auch dem Westen helfen – besonders Amerika! (lacht) Wir haben ja von den dicken amerikanischen Kapitalisten gelesen, die ihre Arbeiter ausbeuten. Als Kinder dachten wir: „Da müssen wir was tun!“ Das haben wir wirklich geglaubt.
Frage: Wie muss man sich so ein Leben als Kind unter Mao vorstellen.
Xiaoping Hu: Ganz ähnlich wie in der Sowjetunion. Wir sind als Kinder zuerst Pioniere mit dem roten Halstuch geworden, und dann kamen die Roten Garden. Eine etwas kritischere Haltung kam bei mir erst viel später auf – in der Teenagerzeit.
Frage: Gab es ein Schlüsselerlebnis, das Sie mit dem Kommunismus brechen ließ?
Xiaoping Hu: Nein. Als Kind nicht. Ich wurde ja in den 50er Jahren geboren und kannte nichts anderes. Natürlich gab es die Hungerkatastrophe. Aber ich bin in Peking aufgewachsen. Dort war es zwar knapp, aber mein Vater war Offizier und meine Mutter Beamtin, deswegen ging es in meiner Familie irgendwie. Über diese Hungerkatastrophe habe ich erst ausführlich erfahren, als ich nach Deutschland kam. Das war für mich ein Schock. Da sind ja 20 Millionen Menschen verhungert. Unvorstellbar!
Frage: Wie haben Sie die Kulturrevolution erlebt?
Xiaoping Hu: Das hat auch meine eigene Familie getroffen. Meine Oma war vor der Revolution in China Grundbesitzerin. Das war ganz schlecht. Sie wurde öffentlich auf einer Bühne vorgeführt und gedemütigt. Das beschreibe ich auch im Buch. Einige der Eltern meiner Schulfreunde hat es auch hart getroffen, es gab da sogar Suizide. Eine Schulfreundin hat das bis heute nicht verkraftet, weil die Mutter direkt neben ihr an den Medikamenten gestorben ist. Das haben wir jeden Tag erlebt, und das ist für Kinder natürlich ein Schock. Anfangs haben wir aber auch gedacht, das seien böse Menschen. Die haben das irgendwie verdient. Die Deutschen haben damals vielleicht über die Juden Ähnliches gedacht.
Frage: Man hört aus Berichten viel über die Mao-Begeisterung, die damals herrschte. Haben Sie das so empfunden?
Xiaoping Hu: Ich war als Kind begeistert von Mao! Er war für uns so etwas wie ein Heiliger. Sogar als wir wussten, was da Grauenhaftes passiert ist, haben wir es nicht für möglich gehalten, dass Mao es gewusst hat. Da waren „die anderen“ Schuld. Aber Mao war für uns großartig, weil er das neue China gegründet hat. Das stimmte natürlich so auch nicht. Jedenfalls die damit verbundenen Versprechungen wurden nicht eingelöst. Aber als Kinder haben wir eben gelernt: Ohne Mao wäre es ganz schlecht gekommen. Wir wären eine Kolonie. Wir waren wirklich von ganzem Herzen begeistert. Und wir haben ihn geliebt! Ich dachte, ich könnte für Mao auch sterben, wenn das nötig wäre.
Frage: Ihre Worte strahlen eine große Ehrlichkeit aus. Wie haben Sie es geschafft, auch vor sich selbst so ehrlich zu sein?

Lesestoff

„Kinder des roten Kaisers“ heißt das in diesem Jahr erschienen Buch Xiaoping Hus. Es ist erschienen bei Twentysix und hat 603 Seiten. ISBN: 978-3-7407-4635-3. Das Buch kostet 19.99 Euro.

Xiaoping Hu: Für mich war das gar nicht so schwer. Es ist ja in China auch viel passiert. Wir haben nachgedacht. Und wir haben gelesen. Westliche Bücher waren natürlich verboten, aber wir haben trotzdem gelesen und dabei gemerkt: Es gibt auch eine andere Welt. Nach der Oberschule hat man uns aufs Land geschickt. Wir sind auf einmal Bauern geworden, durften nicht studieren. Das ist natürlich hart, da denkt man noch mehr nach. Wie geht es weiter? Müssen wir für immer hier bleiben? Meine Familie ist auch ehrlich. Wir haben viel über diese Zeiten geredet. Das ist nicht selbstverständlich. Viele meiner Schulkameraden reden ungern über die Vergangenheit.
Frage: Wie geht man in China heute mit dieser Zeit um?
Xiaoping Hu: Sehr unterschiedlich. Manche sind immer noch überzeugte Maoisten. Die gibt es auch. Einige wenige sind kritisch. Die verhalten sich aber still, denn sonst bekommen sie Probleme. Die meisten aber interessiert es nicht, was passiert ist. Hauptsache, ich habe Geld und meine Familie lebt gut. Über Politik wird nicht nachgedacht, und das betrifft auch die junge Generation. Es zählt nur eins: Geld. Das finde ich sehr schade.
Frage: Wie sehen Sie die Entwicklung in China? Sind Sie optimistisch, pessimistisch?
Xiaoping Hu: Sehr pessimistisch. Vor der Xi-Zeit war ich noch optimistisch. Die Mittelschicht wuchs und viele Chinesen gingen ins Ausland und kamen mit neuen Erkenntnissen zurück. Und wenn so viele Menschen ins Ausland gehen, dann verändert das normalerweise etwas. Aber nein! Jetzt wird Xi lebenslang regieren. Aus meiner Mittelschule hat nur einer geweint und gesagt: „Das ist Chinas Ende.“ Man kann sich das nicht vorstellen! Lebenslang! Das gibt es doch gar nicht mehr auf der Welt. Viele Menschen sind auch gegen Demokratie. Sie sagen, Demokratie sei Chaos. Wenn man in China eine Autobahn oder einen Flughafen bauen will, geht das flott. Alles wird abgerissen und dann geht es los. In einer Demokratie dauert es lange, weil Betroffene einbezogen werden. Wegen der schnelleren Entscheidung denkt mancher, unser System sei besser. Die Leute sind aber unterdrückt und fühlen sich gleichwohl nicht unterdrückt. Das ist ein Problem.
Frage: Woran liegt das?
Xiaoping Hu: Weil es ihnen vergleichsweise gut geht. Ich habe eine Wohnung gekauft, ich habe eine Reise gemacht und ich habe meine Kinder zum Studium ins Ausland geschickt. Dann stellt man sich die Frage: Was wollen wir noch mehr? Pressefreiheit? Meinungsfreiheit? Dann heißt es: „Das interessiert uns nicht.“ Man denkt auch nicht darüber nach, ob die herrschende Partei, die ohne Freiheit und Demokratie regiert, diesen Wohlstand auch weiter bewahren kann. Kritische Menschen haben es sehr schwer. Man kann sich auch schwer organisieren, weil alles überwacht wird. Im chinesischen „Wechat“, einer Art „Whatsapp“, etwa verschwinden kritische Beiträge, wenn bestimmte Stichworte fallen.
Dr. Alexander Will Leiter Newsdesk / Politikredaktion
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