Mein Bauch – meine Entscheidung? Aktivisten fordern die Abschaffung des Paragrafen „Schwangerschaftsabbruch“ (§ 218 StGB). Die Bundesregierung hat dazu nun eine Kommission eingesetzt. Eine Streichung könnte zu einer Enttabuisierung von Schwangerschaftsabbrüchen beitragen. Doch es gibt auch Kritiker der Ampel-Pläne zur „reproduktiven Selbstbestimmung“. Eine von Ihnen ist Cornelia Kaminski, Bundesvorsitzende der Aktion Lebensrecht für Alle (Alfa)

Auf Ihrer Internetseite ist immer wieder zu Lesen, dass sie Schwangere dabei unterstützen wollen, die „richtige“ Entscheidung zu treffen. Was ist denn Ihrer Meinung nach die „richtige“ Entscheidung?

Cornelia KaminskiDie richtige Entscheidung ist die, die die Frau angstfrei trifft. Bei der sie sagen kann, das habe ich richtig gemacht und das ist für mich gut. Unter der sie hinterher nicht leidet. Aus unserer Erfahrung ist das sehr oft die Entscheidung für das Kind.

Aber im individuellen Fall kann das auch ein Schwangerschaftsabbruch sein?

KaminskiDie Frau muss das für sich selbst entscheiden, ob das das Richtige ist. Das kann ich gar nicht beurteilen. Aber ich weiß, dass ich natürlich keine Frau dazu zwingen kann, das Kind zu bekommen. Das ist Illusion. Das geht an sämtlichen Rechten einer Frau vorbei.

Familienministerin Paus und andere Ampel-Politiker wollen den Paragrafen 218 abschaffen bzw. reformieren, wie stehen Sie dazu?

KaminskiIch finde das prinzipiell frauenfeindlich: Erstens erleben wir ganz oft, dass Frauen wirklich erleichtert sind, wenn sie es über diese Frist hinüber geschafft haben und sagen können: So, jetzt darf ich nicht mehr abtreiben – jetzt hört der Druck des Partners auf. Zweitens sehen wir, dass eine Abtreibung, je später sie stattfindet, mit immer höheren Komplikationsrisiken für die Frau verbunden ist. Also tut man den Frauen keinen Gefallen, wenn man sagt, wir schieben die Frist nach hinten raus. Drittens: Wie findet denn eine Abtreibung in der 20. Schwangerschaftswoche statt? Was passiert da genau mit dem Kind, das ab der 23. Woche ja auch außerhalb des Mutterleibes überlebensfähig wäre? Das ist ein unfassbar großer Eingriff in die Psyche und auch in die Gesundheit einer Frau.

Zur Person

Cornelia Kaminski (57) ist seit 2019 ehrenamtliche Bundesvorsitzende der Aktion Lebensrecht für Alle (Alfa). Die Lehrerin an einem hessischen Gymnasium arbeitet nebenbei als Autorin für einen Schulbuchverlag.

Die Mutter dreier Kinder ist verheiratet und lebt in Fulda. Sie hat ein Enkelkind. 

Alfa ist nach eigenen Angaben mit rund 11 000 Mitgliedern Deutschlands mitgliederstärkster Lebensrechtsverein. Die ehrenamtlichen Mitglieder engagieren sich vor allem in der Schwangerschaftskonfliktberatung.

Der Verein steht in der Kritik antifeministische und christlich-fundamentalistische Inhalte unter Teenagern zu verbreiten.

Im März forderte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) den Ausschluss des Vereins von der Bildungsmesse didacta. Beim diesjährigen Deutschen evangelischen Kirchentag in Nürnberg schlossen die Veranstalter drei Lebensrechtsbewegungen aus: darunter auch Alfa.

Der Paragraf 218 im Strafgesetzbuch bildet die rechtliche Grundlage für einen Schwangerschaftsabbruch. Dieser ist in Deutschland prinzipiell für alle Beteiligten strafbar und bleibt nur in bestimmten Situationen straffrei.

Eine Expertenkomission aus Ärzten, Juristen und Medizinethikern prüft nun im Auftrag der Bundesregierung eine mögliche Streichung des Paragrafen. Wie lange sich die Kommission beraten wird, ist nicht bekannt – es wird jedoch mit circa einem Jahr gerechnet.

Die Ampel-Parteien haben zudem die Stärkung der „reproduktive Selbstbestimmung“ in den Koalitionsvertrag aufgenommen. Das schließt unter anderem die Verankerung von Schwangerschaftsabbrüchen in der ärztlichen Aus- und Weiterbildung, sowie die Möglichkeit zu kostenfreien Schwangerschaftsabbrüchen und Maßnahmen gegen sogenannte Gehsteigbelästigungen ein.

Wäre aus Ihrer Sicht dann immer eine strafrechtliche Verfolgung bei einem Schwangerschaftsabbruch nötig?

KaminskiNein, das sicherlich nicht. Ganz einfach, weil wir uns anschauen müssen, in was für einer Notsituation sich die Frau befindet. Ich kann nicht zu einer Frau sagen, du kriegst das jetzt oder gehst in den Knast – das geht einfach nicht. Es ist schon etwas dran, wenn man sagt, man kann das Kind mit der Frau retten, aber nicht einfach nur komplett gegen die Frau.

Wäre es dann nicht sinnvoll, einen Abbruch überhaupt nicht strafrechtlich zu verfolgen?

KaminskiBeispielsweise bei einer Spätabtreibung in der 28./29./30. Woche, bei der ein überlebensfähiges Kind grundlos, außer dass die Mutter sagt, sie hätte es sich anders überlegt, getötet wird – warum sollte das nicht strafrechtlich verfolgt werden? Wenn das Kind schon geboren ist und getötet wird, verfolgen wir das auch strafrechtlich. Der Aufenthaltsort des Kindes ist da nicht entscheidend. Entscheidend ist – und das machen wir bei anderen Straftaten ja auch – dass wir schauen, was ist das Motiv, wie ist die Gemengelage, was hat die Frau dazu getrieben, wer hat sie unter Druck gesetzt, was ist insgesamt passiert?

Die Ampel hat in ihrem Koalitionsvertrag festgehalten, dass Schwangerschaftsabbrüche Teil der ärztlichen Aus- und Weiterbildung sein sollten. Wie stehen Sie dazu?

KaminskiDas ist ein totaler Quatsch. Der erste Grund: Das wäre der einzige chirurgische Eingriff, der im Rahmen des Studiums gelehrt wird. Wir bringen den angehenden Medizinern chirurgische Eingriffe nicht im Studium bei, sondern im Rahmen der Facharztausbildung.

Was ist der zweite Grund, weshalb Sie das Vorhaben für „totalen Quatsch“ halten?

KaminskiWenn die Regierung das verpflichtend in diesen beiden Ausbildungszweigen verankert, führt das dazu, dass viele junge Mediziner sagen ich werde nicht mehr Arzt. Die meisten Medizinstudenten machen das, weil sie Leben retten und nicht beenden wollen. Das heißt wir reduzieren damit die Anzahl der Mediziner dabei es herrscht ohnehin eine allgemeine Ärzteknappheit.

Wenn Sie das Thema Ärztemangel ansprechen: Nun ist es ja so, dass viele Betroffene Schwierigkeiten haben einen Arzt zu finden, der sie bei dem Abbruch begleitet. Wie könnte das Problem ihrer Meinung ohne Verankerung des Eingriffes in der Aus-/Weiterbildung angegangen werden?

KaminskiEs ist ein Märchen, dass es nicht genügend Abtreibungsärzte gibt. Wir hatten letztes Jahr um die 740 000 Geburten, dafür gibt es 640 Kreißsäle in Deutschland. Auf der anderen Seite haben wir 100 000 Abtreibungen und rund 1100 gemeldete Stellen, bei denen man Abtreibungen durchführen lassen kann. Es ist für mich, wenn ich abtreiben möchte im dritten Monat, überhaupt kein Problem, mich in einen Zug zusetzen und 100 Kilometer zu fahren. Ich kann aber nicht 100 Kilometer fahren, wenn ich in Wehen liege und in den nächsten paar Minuten mein Kind kommt.

Sie sagen, es ist kein Problem für eine Frau sei, die im dritten Monat schwanger ist, sich in einen Zug zusetzen und 100 kilometerweit zu fahren. Vorhin sprachen sie an, dass ein Abbruch ein großer Eingriff in die Psyche einer Frau sei. Verschlimmert es dann nicht die seelische Verfassung der Betroffenen, wenn Sie im wahrsten Sinne des Wortes erst einmal auf eine Reise gehen muss, um einen Arzt zu finden, zudem sie dann auch nicht einmal ein bereits geschaffenes Vertrauensverhältnis hat?

KaminskiDa wäre meine Frage, wie häufig nehme ich einen Abtreibungsarzt in Anspruch?

Es geht nicht darum, dass Ärzte ausschließlich Abbrüche vornehmen. Einen Gynäkologen nehmen Frauen auch für regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen, Schwangerschaftsuntersuchungen, sexual Beratung und vieles mehr in Anspruch – Warum sollte der nicht zusätzlich Abbrüche durchführen? Es wird nicht erwartet, dass andere Leistungen dafür wegfallen.

KaminskiSie werden für eine Vielzahl an Facheingriffen zu einem Spezialisten verwiesen. Beispielsweise ein Chirurg wird Sie mit einem schmerzenden Knie an einen Orthopäden verweisen.

Um bei Ihrem Vergleich zu bleiben: Der Orthopäde ist in der Regel aber nicht 100 Kilometer entfernt – zumindest in den größeren Städten findet man beispielsweise oft sogar mehr als nur einen Orthopäden.

KaminskiDas ist nicht so. Ich weiß, dass Patienten mittlerweile weite Wege in Anspruch nehmen, um den Spezialisten zu finden, der sie so behandelt, wie sie es gerne möchten. Wenn jemand eine Knie-OP braucht, fährt der von Fulda nach Werneck, weil da eine Sportklinik ist. Da machen es die Spezialisten gut. Das, was ich mir raussuche an medizinischer Behandlung, hat nicht viel mit Vertrauen zu einem Arzt zu tun. Ich suche mir denjenigen raus, der es kann.

Hier reden wir ja davon, dass es keine Alternativangebote gibt. Es ist doch ein Unterschied, ob ich in einem psychisch fordernden Zustand 100 Kilometer fahren muss, da es im näheren Umfeld keine entsprechende ärztliche Versorgung gibt, oder ich mich für eine Knie-OP in einer Sportklinik entscheide, weil die die beste Reputation hat, obwohl es auch Orthopäden vor Ort gäbe, oder?

KaminskiWir haben doch über tausend gemeldete Stellen. Das ist fast doppelt so viel, wie es Kreißsäle gibt in Deutschland.

Die Stellen sind aber in der Regel mit einer Reise verbunden. Zum Orthopäden, Zahnarzt und Co. könnte ich oftmals auch vor Ort. Das ist doch eine ganz andere Voraussetzung, als wenn ich vor Ort niemanden habe, oder?

KaminskiDas stimmt, aber dann lassen Sie uns doch einfach mal überlegen, wie häufig Menschen zum Orthopäden gehen müssen – mit wie vielen unterschiedlichen Beschwerden, und wie viele Menschen davon betroffen sind in einem Ort.

Eine Gynäkologen brauchen auch viele – theoretisch jede Frau. Und die meisten werden häufiger zum Gynäkologen, als zum Orthopäden gehen.

KaminskiJa klar, aber Abtreibungen brauchen 100.000 von 82 Millionen in Deutschland. Und ich muss nicht, weil 100.000 Frauen im Jahr abtreiben, in jedem Dorf einen Abtreibungsarzt bereithalten.

Also sagen Sie, die 100 Kilometer zum Beispiel seien zumutbar?

KaminskiJa. Das halte ich für viel zumutbarer, als 100 Kilometer in den nächsten Kreißsaal fahren zu müssen. Und mich ärgert es total, wenn Feministinnen sich hinstellen und sagen, wir bräuchten mehr Abtreibungsärzte, da müsse eine flächendeckende Versorgung eingerichtet werden – und Politiker fordern das auch – aber die hochschwangeren Frauen, die nachts irgendwo im Rettungswagen ihr Kind bekommen müssen, die nimmt keiner in den Blick.

Haben Sie selbst einmal an einen Abbruch gedacht?

Kaminski(lacht) Sagen wir mal so, ich habe zwei Kinder in einer Situation bekommen, in der ich bei Profamilia sofort den Schein bekommen hätte – und die mir auch zu einer Abtreibung geraten hätten. In der ich wirklich gedacht habe, das darf doch jetzt nicht wahr sein. Ich habe nicht an eine Abtreibung gedacht, aber ich habe gedacht, jetzt nicht schwanger sein wäre gut. Eine Abtreibung wäre für mich nicht in Frage gekommen. Und über beide Kinder bin ich überglücklich. Das eine Kind hat mich zur Oma gemacht, ist 32 jetzt und wird Lehrerin, macht gerade ihr Referendariat. Und das andere Kind ist mein jüngster Sohn, der ist jetzt 15 und ist der Sonnenschein der ganzen Familie. Es wäre furchtbar, wenn es die nicht gäbe.

Was würden Sie sagen, wenn Ihre (Schwieger)Tochter eine Schwangerschaft abbrechen möchte?

KaminskiWürde ich sagen „du kriegst das Kind“, das sage ich auch allen meinen Schülerinnen. Wenn ihr schwanger seid, ihr gebt mir das Kind, ich nehme das, ich zieh das groß, ihr braucht euch nicht weiter drum kümmern, ihr habt es jetzt vielleicht ein paar Monate etwas unbequem, aber alles andere mache ich.

Luise Charlotte Bauer