Man erkenne den Wert einer Gesellschaft daran, wie sie mit den schwächsten ihrer Glieder verfahre, hat der frühere Bundespräsident Gustav Heinemann einmal gesagt. 500 000 Demenzkranke leben in Deutschland in Heimen. Sie mögen schwach sein, nicht mehr im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte. Aber sie haben auch in ihrer letzten Lebensphase Anspruch auf Menschlichkeit, auf Würde.
Wenn 40 Prozent von ihnen regelmäßig Mittel bekommen, die sonst bei Schizophrenie und Wahnvorstellungen verabreicht werden und schwere Nebenwirkungen hervorrufen, wenn der Einsatz von Antidepressiva auf Pflegestationen an der Tagesordnung ist, lässt das aufhorchen. Demenzkranke, die nur noch betäubt und sediert werden, kaum menschliche Zuwendung mehr erfahren – eine Horrorvorstellung ist das. Die Befunde des AOK-Pflegereports müssen zu denken geben. Zeigen sie doch, dass beim Heimpersonal – das diese Verordnungspraxis mit großer Mehrheit für richtig hält – Problembewusstsein fehlt.
