Jahrzehntelang galt Nordrhein-Westfalen als Probebühne für geplante politische Inszenierungen auf Bundesebene. Die Parteien waren sich zumindest darin einig: Was im Düsseldorfer Landtag reibungslos klappte, das konnte auch in Bonn und später in Berlin gelingen. Das galt gleichermaßen für Schwarz/Gelb, Rot/Gelb sowie für Rot und Grün. Das Land mit der höchsten Bevölkerungszahl gab stets das Vorbild für Koalitionen im Bundestag. Jetzt scheint im wesentlich kleineren Hessen erstmals wahrscheinlich, was bislang noch in keinem Flächenland gelang: eine schwarz-grüne Koalition. Auch diese Premiere ein Vorbild für eine Annäherung in Berlin?
Bislang nur im Stadtstaat Hamburg und im Kleinstland Saarland erprobt und dann gescheitert, könnten sich Schwarz/Grün im wirtschaftlich starken Hessen für den Bund warmlaufen. Vorausgesetzt, der Christdemokrat Volker Bouffier und der Grüne Tarek Al-Wazir, Sohn einer deutschen Mutter und eines jemenitischen Vaters, finden tatsächlich zueinander und halten eine Legislaturperiode durch. Beide zeigten sich zuletzt vorsichtig optimistisch, sogar beim schwierigsten Thema Entwicklung des Frankfurter Flughafens einen Kompromiss zu finden.
Der in Wiesbaden amtierende Ministerpräsident Volker Bouffier, vor der Landtagswahl schon als Auslaufmodell gesehen, könnte nun zum Türöffner der CDU zu den Grünen werden und damit auch in Berlin enorm an politischer Bedeutung zulegen. Sein Gegenüber Tarek Al-Wazir gilt als Realo, dem gesellschaftliche Fantastereien à la Jürgen Trittin fremd sind. Seit Jahren ist er in Umfragen beliebtester Politiker Hessens. Die Chance, auf der politischen Bühne mitzugestalten, erscheint ihm offenbar weitaus verlockender als das weitere Verharren auf den Zuschauerrängen.
Womöglich bedarf es der gelungenen Ur-Aufführung, um für Schwarz/Grün auch Beifall in Reihen der CDU einzuheimsen. In einem Bundesland, in dem die Ur-Konservativen von Alfred Dregger über Manfred Kanther bis Roland Koch lange Zeit Hauptrollen spielten, hat ein solches Experiment besondere Bedeutung. Volker Bouffier und Tarek Al-Wazir könnten in der politischen Landschaft Geschichte schreiben und starre Grenzen niederreißen.
