Aufatmen bei Ursula von der Leyen. Aufatmen in der CDU kurz vor den Wahlen. Aufatmen im Kanzleramt. Die Verteidigungsministerin darf ihren Doktortitel behalten. Sie entgeht formal einer Bloßstellung, kommt mit einem blauen Auge davon. Der Kanzlerin ist’s ohnehin wurscht: Die hatte schon vor der Pressekonferenz in Hannover ihrer Ministerin volle Rückendeckung gebeben. Von der Leyen ist also weiter im Spiel.

Jenseits dieser politischen Folgen ist die Affäre jedoch schlicht verheerend. Die Entscheidung der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) schadet der Wissenschaft. Sie ist erbärmlich begründet, und sie versucht nachträglich, das Versagen akademischer Institutionen während des Promotionsverfahrens reinzuwaschen.

Zunächst gibt die Hochschule selbst zu, dass es in der Arbeit Plagiate gibt. Ein Blick in „Vroniplag“ zeigt: Auf 27 Seiten des 62-Seiten-Traktätchens hat Ursula von der Leyen abgeschrieben. Der MHH-Senat betrachtet das aus unerfindlichen Gründen als „nicht schwerwiegend“. Er sieht keine „Täuschungsabsicht“. Was dann? Da bleibt doch als Ursache der festgestellten Täuschungen nur die mangelhafte Beherrschung akademischer Werkzeuge und mangelnde Fähigkeiten, eine den wissenschaftlichen Standards entsprechende Arbeit zu verfassen. Das aber sollte auch 1990 ein guter Grund gewesen sein, ein Promotionsverfahren scheitern zu lassen. Und genau da stellt sich die Frage nach dem Versagen der Hochschule und des Doktorvaters.

Hat der die Arbeit nicht gelesen? Kannte der die Literatur nicht? Ist dem Zweitgutachter nichts aufgefallen, und was war mit der Kommission? Da wurde ganz offensichtlich schlecht gearbeitet. Der Verdacht liegt nahe, dass die MHH sich mit ihrem Urteil auch selbst einen Persilschein ausstellen will. Für das Ansehen ernsthaft forschender, um Erkenntnis ringender Wissenschaftler ist das alles ein GAU.

Wer wissenschaftliche Standards derart durchlöchert, macht sich unglaubwürdig. Er beschädigt sich selbst und die gesamte akademische Gemeinschaft. Noch viel schlimmer ist es, dass nicht einmal die Frage nach der Verantwortung der Hochschule gestellt wird. Wer nicht fragt, verweigert sich nämlich von vornherein jeder Erkenntnis.

Dr. Alexander Will
Dr. Alexander Will Mitglied der Chefredaktion (Überregionales), Leiter Newsdesk