Vor 70 Jahren schien alles so einfach: Die Weltlage ließ sich auf einen klaren Gegensatz reduzieren. Da stand Ost gegen West. Auf der einen Seite die Vereinigten Staaten und ihre Freunde, auf der anderen Seite Russland und seine in die Sowjetunion eingebundenen Satellitenstaaten. Wenn die Nato an diesem Donnerstag ihren runden Geburtstag feiert, hat sich die Situation grundlegend verändert. Neue Machtzentren sind entstanden – in Asien, im arabischen Raum, aber auch in Lateinamerika.
Die geopolitische Abstinenz der Bundesrepublik und übrigens auch der Nato entspricht nicht länger den globalen Herausforderungen – zumindest nicht aus russischer und amerikanischer Sicht. Selbst wenn man die Gefahr, dass beide auf eine neue heiße Auseinandersetzung zusteuern könnten, als gering einschätzen darf, so bleibt doch das Wiederaufflammen einer ganz anderen Politik, die nicht minder grausam ist: die der Stellvertreterkriege. Was im Jemen oder in Syrien, in der Ostukraine oder auf der Halbinsel Krim passiert ist, mag Europa nicht unmittelbar betroffen haben, es beinhaltete aber stets die Gefahr eines überspringenden Funkens. Zumal neben Russland und den Vereinigten Staaten weitere Kräfte wie der Iran oder Saudi-Arabien, wie Nordkorea oder Indien eine Rolle in den Krisenregionen spielen.
Die Nato sucht da noch ihre Rolle. Sie hat mit ansehen müssen, dass militärische Aktionen ohne sie stattfanden, weil sich irgendwie doch Koalitionen der Willigen bildeten. Das kann und darf nicht so weitergehen, weil durch diesen Weg die Kriegsgefahr, die die Nato in 70 Jahren mitgeholfen hat zu bannen, wieder größer wird. An seinem Geburtstag steht das Bündnis deshalb vor einer Herausforderung, die ebenso widersinnig wie nötig ist. Die Nato muss tatsächlich wieder schlagkräftiger werden und in ihre Wehrfähigkeit investieren, um das Zuschlagen auch in den nächsten Jahrzehnten zu verhindern. Denn sie ist zu wichtig, um auf der Weltbühne keine Rolle mehr zu spielen.
