Dieser Mann strotzt nur so vor Selbstbewusstsein! Martin Schulz will es wissen: Seine Nominierung und die erste große Rede als Kanzlerkandidat bedeuten für die SPD psychologisch nicht mehr und nicht weniger als den lang ersehnten Befreiungsschlag. Die Genossen versuchen, die bleierne Schwere und die Lethargie der Gabriel-Ära hinter sich zu lassen, auch die Selbstzweifel und ihre schon fast chronische Angst vor dem Untergang. Mag sich die SPD nun auch berauschen an Martin Schulz, ihn feiern wie einen Heilsbringer: Bisher ist der Kandidat nicht mehr als eine Projektionsfläche. Er steht für die Genossen-Hoffnung, dass es mit den Wahlchancen der deutschen Sozialdemokratie im Bund wieder besser werden könnte. Die hohen Erwartungen zu erfüllen, wird sehr viel schwerer: Bei seinem umjubelten Premieren-Auftritt im Willy-Brandt-Haus hat Schulz Seelenmassage betrieben, aber offen gelassen, wie er die Trendumkehr schaffen will. Die Rede war jedenfalls frei von inhaltlichen Überraschungen.

Dass die SPD im Bundestagswahlkampf auf soziale Gerechtigkeit setzen und sich um die Sorgen der arbeitenden Mitte kümmern will, wird nur dann Wirkung entfalten, wenn damit auch neue überzeugende Projekte verbunden sind. Innenpolitisch bleibt der Kandidat auch nach seinen ersten großen Auftritten ein unbeschriebenes Blatt. Das ist für ihn Chance und Risiko zugleich.