Seoul/Tokio - Die Verschnaufpause war nur von kurzer Dauer. Der jüngste nordkoreanische Test einer weitreichenden Rakete, die am Dienstag über Japan flog, hat den zart aufkeimenden Hoffnungen auf eine Entspannung in der Region einen herben Dämpfer versetzt.

Zugleich ist der neuerliche Raketentest ein Schlag ins Gesicht von US-Präsident Donald Trump. Er hatte sich noch vor wenigen Tagen zuversichtlich geäußert, Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un beginne, „uns gegenüber Respekt zu zollen“.

War das alles Zweckoptimismus? China sieht inzwischen einen „kritischen Punkt“ in dem Konflikt auf der koreanischen Halbinsel erreicht. „Druck, Sanktionen und Drohen“ hätten nicht geholfen, die Probleme zu lösen, sagte eine Sprecherin des Pekinger Außenministeriums. Nur mit einer Rückkehr an den Verhandlungstisch könne man die Situation entspannen.

Vor dem neuerlichen Manöver hatten sich Washington und Pjöngjang, das den USA eine feindselige Politik unterstellt, bereits gegenseitig mit scharfen Drohungen überzogen. Trump drohte der kommunistischen Führung in Pjöngjang „mit Feuer und Zorn“. Kim drohte zwischenzeitlich, vier Mittelstreckenraketen in die Gewässer um die für die USA strategisch wichtige Pazifikinsel Guam abzufeuern.

Kim Jong Un scheint sich jedenfalls auf ein langes Kräftemessen mit Trump einzurichten. Der Zeitpunkt des jüngsten Raketentests ist nach Einschätzung von Experten bewusst gewählt. Nordkorea signalisiere damit zweierlei: Dass das Land nicht im Konflikt um sein Atom- und Raketenprogramm einlenken will – und dass es jederzeit imstande ist, Guam mit seinen Raketen zu erreichen.

Die Rakete am Dienstag legte nach südkoreanischen Angaben auf dem Weg über Japan eine Strecke von 2700 Kilometern zurück, bevor sie in den Pazifischen Ozean niederging. Die Distanz zwischen Pjöngjang und Guam in die andere Richtung beträgt etwa 3000 Kilometer.

Der frühere japanische Vize-Admiral Yoji Koda glaubt, Kim habe die USA provozieren wollen. Trotzdem wolle Pjöngjang den Streit mit Trump offenbar nicht auf die Spitze treiben, sagte er der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo. Wäre die Rakete nahe von Guam niedergegangen, wäre die Reaktion „heftig“ ausgefallen, urteilte er.

Die Regierung in Tokio sprach von einer „beispiellos ernsten und schwerwiegenden Bedrohung“ für die Sicherheit des eigenen Landes. Zum ersten Mal flog eine ballistische Rakete Nordkoreas über japanisches Territorium. Bei dem Raketentyp handelt es sich in der Regel um Boden-Boden-Raketen, die einen konventionellen, chemischen, biologischen oder atomaren Sprengkopf ins Ziel befördern können.

Durch den jetzigen Raketenabschuss dürfte sich auch der japanische Ministerpräsident Shinzo Abe in seiner Haltung bestätigt sehen – zumal das Manöver unangekündigt erfolgt sein soll. Abe will seit Langem die pazifistische Nachkriegsverfassung ändern, um Japans „Selbstverteidigungskräfte“ rechtlich zu legitimieren.

Die Regierung diskutierte in den vergangenen Monaten zudem laut über Pläne für eine mögliche Evakuierung von Japanern aus Südkorea. Kritiker sprachen indes von Panikmache: Abe wolle Angst in der Bevölkerung schüren, um seine politischen Ziele durchzusetzen.