Unterschiedlicher könnten die Gemütslagen in den beiden großen Parteien nicht sein. Hier die CDU, die in satter Selbstzufriedenheit ihre Parteivorsitzende feiert, die auch nach 15 Jahren im Amt und zehnjähriger Kanzlerschaft wenig Ermüdungserscheinungen zeigt, dort die SPD, die (wieder einmal) zur Unzeit die K-Frage diskutiert. In einer Großen Koalition vereint, der die Sozialdemokraten unübersehbar den Stempel aufzudrücken vermochten, haben die beiden Führungsgremien wenig gemein.

Wer hätte nach der Wende für möglich gehalten, dass die unscheinbare Politikerin aus dem Osten, die eher kleinlaut am Kabinettstisch des großen Übervaters Helmut Kohl saß, ihn dereinst wegen seiner dubiosen Rolle im Parteispendenskandal nicht nur aus dem Adenauer-Haus vertreiben, sondern auch im Kanzleramt beerben würde? Angela Merkel bewies ungeahntes Gespür für wichtige Momente und düpierte damit ihre Parteifreunde.

Sie hat um den Parteivorsitz nicht einmal ernsthaft kämpfen müssen, es gab schlicht keine mehrheitsfähigen Mitbewerber. Merkels Wahl war alternativlos. Ein gerader Weg führte sie bis ins Kanzleramt. Fallen und Stolpersteine witterte sie mit untrüglichem Instinkt. So entschlossen sie bei der Entsorgung personeller Problemfälle handelt, so entschieden folgt sie der Devise ihres Vorgängers bei der Lösung von Sachfragen – sie sitzt sie aus. Die siegreichen Wahlen belegen, dass den Deutschen diese Art des Regierens gefällt. Es sei denn, Volkes Stimme verlangt nach Handeln. Wie beim Ausstieg aus der Atomkraft. Dann bleibt nicht einmal Zeit für ein Abwägen der Vor- und Nachteile.

Merkels mutmaßlicher nächster Herausforderer Sigmar Gabriel ist dagegen stets für Überraschungen gut, die selbst den eigenen Genossen Probleme bereiten. Ob Alleingang im Umgang mit Pegida, klare Kante beim Streit ums transatlantische Freihandelsabkommen oder sein Ja zur Vorratsdatenspeicherung – Gabriel sucht lieber den Konflikt als den Konsens. Nicht nur notorischen Kritikern in der Partei schwant, dass die Wählerinnen und Wähler Kontinuität vorziehen. So wie sie Angela Merkel vorlebt. Ihr Ausrutscher ins neoliberale Lager auf dem Parteitag 2003 in Leipzig ist längst vergeben und vergessen.