Um Missverständnissen vorzubeugen: Deutschland ist ein großartiges Land. Eigentlich. Ich kehre gerade von zwei Monaten im Ausland zurück. Da freut man sich über erstaunlich vieles, was man, in der Hunte-Metropole angekommen, wiederhat: das erste Mal aufs Fahrrad steigen, das erste Mal anständiges Brot essen, das erste Mal in den heimischen Garten gehen.
Autor dieses Textes ist Michael Sommer. Der gebürtige Bremer ist Professor für Alte Geschichte an der Uni Oldenburg und Vorsitzender des Philosophischen Fakultätentages, der Interessenvertretung der geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer in Deutschland. (Foto: privat)
Zwei Monate lang habe ich Deutschland gegen kritische Fragen verteidigt und gegen spitze Bemerkungen in Schutz genommen. Nicht alles ist desolat, obwohl sich der Eindruck aufdrängt, kaum ist man auf der Schiene unterwegs. Die Lichter werden nicht ausgehen, obwohl sich die Verantwortlichen alle Mühe geben, die Energiewende an die Wand zu fahren. Dem Land droht keine Deindustrialisierung, mag der Standort auch an Wettbewerbsfähigkeit verloren haben. Und nein, seine Meinung kann man in Deutschland noch frei sagen, auch wenn es den Woken im Land nicht passt. Allerdings, das musste ich zugeben, gehört manchmal Zivilcourage dazu.
„Was ist bloß bei euch los“
Ich bin plötzlich zum Deutschlanderklärer geworden. Ich kann nicht sagen, dass mir die Rolle sonderlich liegt. Schließlich nehme ich selten ein Blatt vor den Mund, wenn die Zustände zwischen Rhein und Oder mir kritikwürdig scheinen. Also fast immer. Trotzdem: Deutschlanderklärer war ich in den zurückliegenden Jahren oft, eigentlich jedes Mal, wenn ich im Ausland war und mit Menschen über die Zeitläufte gesprochen habe. „Was ist bloß bei euch los?“, lautet die oft von einem Kopfschütteln begleitete Frage.
Ein isoliertes Land
Die Zeiten, in denen Deutschland bewundert wurde, Respekt, manchmal auch Furcht einflößte, sind vorbei. Jetzt schwingt Sorge, Mitleid, manchmal auch Schadenfreude in der Stimme mit, wenn über unser Land gesprochen wird. Was ist bloß los bei uns?
Deutschland ist noch immer ein starkes Land. Das gute Prozent der Weltbevölkerung, das hier lebt, kann sich glücklich schätzen. Es lebt angenehmer, gesünder, sicherer, ist reicher und besser gebildet als der weit überwiegende Teil der restlichen 99 Prozent. Aber wird das auch in Zukunft so sein?
Deutschland ist nämlich auch ein isoliertes Land. In der Sozial-, Finanz- und Wirtschafts-, vor allem aber in der Energie- und Migrationspolitik steuern wir in eine völlig andere Richtung als unsere europäischen und atlantischen Partner. Während andere versuchen, ihre Standorte fit für den Wettbewerb zu machen, legen wir unserer Wirtschaft immer neue Fesseln an. Während andere neue Atomkraftwerke bauen, schalten wir unsere ab. Während andere den Migrationsstrom nach Europa zu drosseln versuchen, machen wir uns durch neue, auch für Zuwanderer offene Sozialpakete wie das „Bürgergeld“ und die „Kindergrundsicherung“ noch zusätzlich attraktiv für low-skill-Migranten, die dann zielsicher in unseren Sicherungssystemen landen.
Alte Hybris in neuem Gewand
In Deutschland glauben tatsächlich viele, dass uns das Ausland für unsere Großherzigkeit bewundert. Dass wir, nachdem deutsche Hybris im 20. Jahrhundert eine Schneise der Verwüstung durch Europa gezogen hat, endlich auf der richtigen Seite der Geschichte stehen, eine moralische Großmacht sind. So ist es aber nicht. Denn der schulmeisterliche Gestus, mit dem wir unsere Nachbarn gern belehren, ist nur die alte Hybris im neuen Gewand. Sie trägt jetzt Boss und Ralph Lauren statt Uniform und Stiefel, zu Sympathieträgern macht sie uns Piefkes, Crucchi, Krauts, Moffen oder Szkopy nicht.
Was ist bloß los bei uns? Die meisten unserer Nachbarn wollen ein starkes Deutschland in einem starken Europa. Ein Deutschland, das auch führen kann, aber mit seinen Partnern redet, anstatt alles besser zu wissen und sie zu bevormunden. Wir sollten ihnen zuhören. Und könnten so manches von ihnen lernen.
