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Streik-Kultur Belgien ist härter drauf

Gregor Mayntz Büro Brüssel
Der Bahnsteig im Hauptbahnhof Antwerpen ist menschenleer: Streik!
Analyse

Der Bahnsteig im Hauptbahnhof Antwerpen ist menschenleer: Streik!

DPA

Brüssel - Der erste Kontakt mit Brüssel kann problematisch sein. Wenn zum Beispiel die Taxifahrer streiken. Dann fahren sie nicht nur einfach nicht. Sie stellen sich an zentralen Kreuzungen mit ihren Fahrzeugen auch so auf, dass es für keinen anderen mehr ein Durchkommen gibt. Dabei beobachten sie dann genau, wie sich die Verkehrsströme der Autofahrer entwickeln. Sollten diese eine Möglichkeit zur Umfahrung entdeckten, dirigieren die Streikleiter rasch ein paar Taxen dorthin, um auch dort dicht zu machen. Wer glaubt, Deutschland entwickele sich zum Streikland, der sollte mal auf Belgien schauen.

Ein internationaler Vergleich mit einer Auswertung der Streiktage durch das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut kam im vergangenen Jahr zu dem Ergebnis, dass Deutschland mit 18 ausgefallenen Arbeitstagen je tausend Beschäftigten im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre im unteren Mittelfeld lag. In Spanien waren es mit 48 weit mehr als doppelt so viel, Frankreich hatte es mit 92 Streiktagen zu tun und war damit fünf Mal stärker betroffen. Doch ein Land schlug in puncto Streikbereitschaft alle anderen: 96 waren es in Belgien.

Streiks für alles mögliche

Die Anlässe sind nicht darauf beschränkt, mehr Geld zu bekommen und weniger arbeiten zu müssen. Die Löhne folgen ohnehin einer Indexierung: Steigen die Lebenshaltungskosten, steigen die Löhne automatisch. Das wirkte sich besonders in der Energiekrise nach dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine aus. Für Belgier blieb nach den kräftigen Aufschlägen bei Strom, Gas und Mieten am Ende genau so viel übrig wie davor. Die Beschäftigten ausländischer Firmen dagegen konnten ihre Unternehmen selten davon überzeugen, mal eben zehn Prozent mehr Gehalt zahlen zu sollen, weil das in Belgien so üblich sei.

Die Ausmaße der Streiks sind nicht immer klar auszumachen. Gerade haben etwa Piloten der Fluggesellschaft Brussels Airlines eine Ausweitung der seit Wochen laufenden Streikaktionen angekündigt. Nun würden sie nicht mehr einzelne Tage, sondern halbe Wochen die Arbeit niederlegen. Doch weil dies zunächst nur die Mitglieder der christlichen Gewerkschaft betraf, konnten sieben von zehn Jets trotzdem abheben.

Im vergangenen Jahr traf es viele Fahrgäste von Bussen und Bahnen – nicht weil die Beschäftigten selbst mehr wollten. Sie unterstrichen damit die Forderung nach mehr staatlichen Zuschüssen für den Verkehrsbereich, damit die Angebote pünktlicher würden. Zugverbindungen durch Streik ausfallen zu lassen, um damit zu erreichen, dass weniger Zugverbindungen ausfallen – das umschreibt auf besondere Weise die belgische Streiklogik.

Täglich Ausstände

In der vergangenen Woche fiel in Brüssel der Verkehr auf etlichen Linien aus, weil die Gewerkschaften den Internationalen Frauentag zum Anlass für einen Aktionstag nahmen. Auch die Müllabfuhr schloss sich in einigen Bezirken an. Ein anderes Verkehrsunternehmen wurde bestreikt, nachdem ein Fahrer im Dienst tätlich angegriffen worden war. Und in dieser Woche gab es erhebliche Einschränkungen, weil die sozialistischen Gewerkschaften auf diese Weise gegen die EU-Sparpolitik protestieren wollten. Das Prinzip der belgischen Streikpraxis bleibt damit bestehen: Es gibt immer mehr Anlässe als Lösungen.

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