Es gibt einige Schriftsteller, die große Werke vorlegen und Literaturgeschichte schreiben. Aber nur wenige, die eine ganze Epoche prägen. Günter Grass war eine solche prägende Gestalt. Wer wissen will, was Deutschland und die Deutschen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ausmachte und beschäftigte, wird an dem Mann mit dem markanten Schnauzbart, der Tabakspfeife und der sonoren Stimme nicht vorbeikommen. Er war ein großer Literat, der das konservative Bürgertum der jungen Bundesrepublik verstörte und provozierte. Ein Linker, der in den letzten Jahren seines Lebens auch seine politischen Freunde zur Verzweiflung trieb.

Sein Roman „Die Blechtrommel“, der 1959 erschien und für den er 40 Jahre später den Literaturnobelpreis erhielt, markierte einen Wendepunkt in der deutschen Nachkriegsliteratur. Grass gab der jungen, rebellischen Generation eine Stimme, die keinen Schlussstrich unter die Nazizeit ziehen wollte und nach der Schuld der Väter fragte. Er machte Wahlkampf für den späteren SPD-Kanzler Willy Brandt – und verließ die Partei 1993 im Streit um die Asylpolitik. Der Dichter Grass war nicht denkbar ohne die moralische Instanz Grass, als die er sich auch selber sah.

Umso verständnisloser reagierten die Menschen, als der Nobelpreisträger in seinem autobiografischen Buch „Beim Häuten der Zwiebel“ 2006 eher beiläufig seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS zugab und sein jahrzehntelanges Schweigen rechtfertigte. Auch seine israelkritische Streitschrift „Was gesagt werden muss“ löste bei vielen politischen Freunden Befremden aus. Die Maßstäbe, die er an andere anlegte, ließ er für sich selbst nicht immer gelten.

Grass’ Tragik liegt darin, dass er seinen bedeutendsten Roman „Die Blechtrommel“ zu Beginn seiner Karriere schuf und fortan jedes weitere Buch daran gemessen wurde. Gegen diesen eigenen Welterfolg hat er sein Leben lang angeschrieben – und dabei ein beeindruckendes Lebenswerk hinterlassen. Deutschland hat einen herausragenden und streitbaren Schriftsteller verloren, an dem sich die Kritiker noch lange abarbeiten werden. Er war, wie er einst selbst sagte, die Summe seiner Figuren. Er war gleichzeitig Oskar Matzerath und die SS-Männer.