Das ist schon beeindruckend: Trotz eines Arbeitgeber-Angebotes von acht Prozent mehr Lohn (mindestens 300 Euro) und einmalig 3000 Euro steuerfrei gab es im Öffentlichen Dienst keinen Tarifabschluss – das war Verdi und dem Beamtenbund zu wenig! Es bleibt hartnäckig bei der Ausgangsforderung von 10,5 Prozent. Wer will sich da profilieren?
Die Zahl bereitet mir Unbehagen. Sie erschient mir auch zu pauschal. Eigentlich könnte man differenzieren. Etwa: Berufsgruppen, die besonders strapaziert, knapp und begehrt sind, könnten einen Sonderaufschlag erhalten. So etwas wäre kreativ. Aber durch die Bank 10,5 Prozent für alle? Viele Menschen in anderen Gesellschaftskreisen können das schwer nachvollziehen. Sie blicken auf eine Sparte mit vielen Privilegien.
Der Staat sollte hier nicht zu schnell nachgeben, dachte ich mir schon angesichts der Massivität der Warnstreiks. Man muss in solchen Tarifverhandlungen auch Resilienz beweisen, eine Weile hart bleiben – auch Vater Staat. Denn es geht hier um sehr viel Geld. Und zwar Geld, das der Staat gar nicht unbedingt hat. Aber mehr Schulden oder Steuern für Gehaltserhöhungen? Das ist nicht nachhaltig.
Zudem: Irgendwie sollten wir die Inflation einfangen. Stattdessen läuft in Deutschland aber aktuell die berüchtigte Lohn-Preis-Spirale an. Deutlich höhere Personalkosten werden die öffentlichen Preise treiben: Steuern, Gebühren, Eintrittspreise. Einziger Ausweg: Deutlich mehr Produktivität.
Wo sind eigentlich die großen Geister, die früher im Stil „konzertierter Aktionen“ von Politik und Wirtschaft gemeinsam in schwierigen Zeiten gewisse strategische Ziele im Großen und im Ganzen absprachen? Also auch etwa eine gewisse Kompromissbereitschaft, um die Preiswelle einfangen zu können. Die gleichnamige Runde, einst vor Jahrzehnten geboren, wurde vor den aktuellen Tarifstreits wieder aufgelöst
