Die Zahl ist auf den ersten Blick alarmierend: Der Anteil der Beschäftigten ohne Tarifvertrag hat sich von 2002 bis 2021 in Niedersachsen fast verdoppelt. Und das trotz der Gegenmaßnahmen der Regierenden. Kein Wunder, dass die Linke eines ihrer Kernthemen, die „Tarifflucht“, auf die Agenda setzt und die statistischen Daten auf die plakative Formel „Gute Arbeit nur mit Tarifvertrag“ bringt.
Ganz so einfach ist es allerdings nicht. Spätestens mit den Reformen Anfang der 2000er Jahre ist mächtig Bewegung in den Arbeitsmarkt gekommen. Start-ups und kleine, innovative Firmen stoßen neue Entwicklungen an und treiben die Großen vor sich her. Altbekannte Tarifverträge spielen da eher eine untergeordnete Rolle. Flexibilität ist gefragt. Hinzu kommen die Migration in den Arbeitsmarkt und disruptive Entwicklungen in vielen Branchen – vom Kfz-Gewerbe bis hin zur Medienbranche. Nicht zu vergessen die sinkenden Mitgliederzahlen bei Gewerkschaften sowie das geringer werdende Interesse, sich in Personalräten zu engagieren. Beim Wechsel des Arbeitsplatzes spielen nicht allein Lohn und Vertragsdauer eine Rolle, sondern zunehmend auch „weiche Faktoren“ wie das Arbeitsumfeld.
Wer beim Thema Fachkräftemangel allein auf das Pferd „Tarifvertrag“ setzt, springt zu kurz. Die Politik sollte differenziert vorgehen und vor allem die Betriebe entlasten. Sonst folgt auf Tarifflucht die Standort-Flucht.
