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NWZonline.de Nachrichten Politik Meinung

Nwz-Analyse Zur Migration: Japan bleibt lieber unter sich

19.06.2018

Tokio Es ist laut in der Mega City Tokyo. Überall blinkt Leuchtreklame, die Bahnen sind brechend voll, Menschen soweit das Auge reicht. Und dem dumpfen Gefühl nach sehen sie irgendwie alle ähnlich aus – japanisch eben. Selbst in der Millionenstadt trifft man beim Gang durch die Straßen selten auf einen Flüchtling. Das ist in Deutschland ganz anders.

Japan hingegen hält die Tür überwiegend geschlossen. So gut wie kein Land der Welt nimmt weniger Flüchtlinge auf. Dabei steht das Land der aufgehenden Sonne vor einem Dilemma: Die eigene Gesellschaft altert, und sie schrumpft.

Japan sieht sich nicht als Einwanderungsland. Ein Umdenken ist nicht in Sicht – und das, obwohl dringend Arbeitskräfte von außen gebraucht werden. Das gilt zum einen für Flüchtlinge, die in erster Linie Schutz suchen, weil sie in ihrem Heimatland politisch, religiös oder aus anderen Gründen verfolgt werden. Betroffen von der Abschottungspolitik Japans sind aber auch Arbeitskräfte aus anderen Ländern, sei es in Asien oder Europa.

Ausländerfeindlich ist die Politik, ängstlich die Bevölkerung, weil ihr von der Politik Angst gemacht wird. Aber es gibt auch historische Gründe.

In der Edo-Zeit (1603 bis 1868) befahl die herrschende Elite die „Sakoku“, wörtlich „Landesabschließung“. Mehr als 250 Jahre isolierte sich Japan, insbesondere vom Westen, sowohl wirtschaftlich als auch politisch. Das Christentum wurde verboten, alle ausländischen Missionare wurden des Landes verwiesen. Nur von der künstlichen Insel Dejima vor den Toren Nagasakis durften die Niederländer extrem eingeschränkten Handel betreiben und Dejima nicht Richtung Inland verlassen. Zum Westen hatte das japanische Volk lange Zeit keinen Kontakt mehr. Gelegentlich war es chinesischen Kaufleuten oder diplomatischen Gesandten aus dem Königreich Korea gestattet, japanischen Boden betreten.

Isolation über einen so langen Zeitraum geht an einem Land, das sich ja auch im Austausch mit der Außenwelt weiterentwickelt, nicht spurlos vorbei.

Wer sich als Politiker heute in Japan für groß angelegte Einwanderung stark macht, kann nicht auf Rückendeckung zählen – schon gar nicht bei den Wählern. Japans Politik ist nationalistisch und konservativ geprägt. Die Kultur, die Sprache, die einzigartigen Traditionen und die Harmonie gilt es zu beschützen.

Doch es gibt einen deutlichen Widerspruch: Japan gehört zu den Unterzeichnern der Genfer Konvention von 1951– und ist damit eigentlich verpflichtet, Flüchtlingen Asyl zu gewähren. Dafür sind aber die Beitragszahlungen an die UN-Flüchtlingskonvention seit Jahren hoch. Japan ist einer der größten Geldgeber des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR). Das erweckt den Anschein, Japan kaufe sich von dieser Pflicht frei.

Trotz Insellage und politischer Abschottung: Es gibt einige Flüchtlinge, die in Japan Schutz suchen. Fast 20.000 Anträge auf Asyl hat Japan im vergangenen Jahr verzeichnet. Syrer, Ägypter, Afghanen oder Iraker wollen dort Flüchtlingsstatus erhalten. Angenommen hat das asiatische Land mit der wohl härtesten Einwanderungspolitik am Ende gerade mal 20. In manchen Jahren können es lediglich fünf sein. Die Bedingungen sind streng, die Hürden sind hoch. Und diejenigen, die Asyl bekommen haben, klagen über zu wenig Unterstützung mit Sprachkursen oder bei der Suche nach Arbeitsplätzen.

Bessere Chancen auf ein Bleiberecht als Flüchtlinge haben Arbeitskräfte aus anderen asiatischen Ländern wie Vietnam, die Philippinen, Nepal oder Thailand, die dann größtenteils im Niedriglohnsektor oder in der Pflege arbeiten. Sie sind den Japanern nicht ganz so fremd wie beispielsweise Syrer.

Einwanderung aus dem nahen Südostasien wird teils minuziös in Nachrichtensendungen diskutiert, beschrieben und in aufwendigen Schautafeln erklärt. Wie viele sind gekommen, wo sind sie hin und vor allem: Wie viele mussten wieder gehen? Verdeutlicht wird die Insel Japan in den Diskussionsrunden im Fernsehen auf den bunten Pappschildern als Ort mit hoher Mauer – die arbeitswilligen Einwanderer schippern mit Booten davor.

„Ich denke, viele Japaner sind auch naiv – sie wissen gar nicht, was in der Welt passiert“, sagt eine japanische Journalistin. Japanische Medien sollten sich viel mehr auf das Weltgeschehen konzentrieren.

Das Thema Flüchtlinge wird medial nicht thematisiert, beschreibt es Josko Kozic, Deutsch-Kroate und Masterstudent in Kyoto. „Wenn es um Flüchtlinge geht, sind es immer andere Länder und das Negativbeispiel Deutschland.“

Das Volk bleibt weiterhin unter sich. Die japanische Gesellschaft ist fast zu 100 Prozent homogen. 98 Prozent sind Japaner, der Rest sind größtenteils Koreaner und Chinesen. Japan hat nach 150 Jahren Öffnung zum Westen immer noch merklich Angst vor dem Fremden. Und das ist so ziemlich alles, was nicht Japanisch oder zumindest asiatisch ist. So haben es also auch Europäer oder Amerikaner nicht leicht, die in Japan dauerhaft bleiben wollen.

Die japanische Bevölkerung dürfe man aber keinesfalls als fremdenfeindlich abstempeln, betont Josko Kozic, der seit drei Jahren in Japan lebt. Im Gegenteil, vor allem im Zuge des Tourismus-Booms der vergangenen fünf Jahre stelle sich Japan landesweit auf Ausländer aus aller Welt ein, auch da in Tokyo 2020 die Olympischen Spiele stattfinden. Er sieht die konservativen Politiker in der Verantwortung. Viele junge Japaner sind der Meinung, das Land könnte schon mehr Flüchtlinge aufnehmen, sie haben aber einerseits Angst und andererseits keine Idee, wie man mit den fremden Menschen umgehen sollte.

Einwanderungsskeptiker: Der japanische Premier Shinzo Abe (Foto: dpa)
Das alles sei eine Frage der Demografie, wurde Premier Shinzo Abe 2015 zitiert. „Ich würde sagen, bevor wir Einwanderer oder Flüchtlinge aufnehmen, sollten wir versuchen, unsere Geburtenrate zu erhöhen. Es gibt viele Dinge, die wir tun sollten, bevor wir Einwanderer akzeptieren.“

Auf der fernen Insel scheint das Prinzip „Japan first“ zu gelten – bloß nicht so offensichtlich wie in Amerika. Das Land sieht sich als Touristenziel und ruht sich darauf aus. In Japan wird sich nicht von heute auf morgen eine Willkommenskultur etablieren.

Wenn sich das Land aber weiter öffnet und die Integration von Flüchtlingen „japanisch“, das heißt geordnet, strikt und konsequent angeht, könnte Immigration von Flüchtlingen eine runde Sache werden. Das Land sieht in der Einwanderung Probleme. Sie kann aber auch Lösungen bringen, gerade in Japans Bevölkerungssituation. Japan könnte von anderen Ländern lernen, muss aber sein eigenes System entwickeln.

Fremde machen nervös

Ich habe in diesem Jahr eine Bootstour gebucht. Beim Check-in in Nagasaki schaute die Dame an der Kasse schon sehr nervös, als sie erkannte, dass ich gleich als Englisch sprechende Ausländerin bei ihr an der Reihe sein würde. Die Mimik sagte nichts anderes als „Was mach‘ ich jetzt?“. Nervös verwies sie mich schließlich an eine englisch-sprechende Kollegin – die mich dann vollkommen selbstsicher auf Englisch beriet.

Die Autorin dieser Texte ist Tonia Hysky (27). Sie ist Japanologin. Die NWZ-Mitarbeiterin hospitierte in diesem Jahr einige Wochen in Kyushu bei einem japanischen Nachrichtensender.
Solche Situationen passieren nicht mal, sondern ständig. Der Großteil der Japaner spricht so gut wie kein Englisch, würde sich am liebsten vor Gesprächen drücken. Manche reagieren nicht einmal, wenn ich als blonde Europäerin in deutlichem Japanisch eine Frage stelle.

Es ist dann schon recht ungewöhnlich, dass ein Japaner mit guten Englischkenntnissen freiwillig auf eine Ausländerin wie mich zugeht und ein Gespräch beginnt. Was mir passiert ist, muss ich betonen.

Dass ich mich trotzdem in kleineren und weniger touristischen Städten wie das Wesen eines fremden Planeten gefühlt habe – keine Frage.

Tonia Hysky Redakteurin / Redaktion Kultur/Medien
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