Athen - Ohne Umschweife vorneweg: Ja, in der Küstenstadt Chania im Westen Kretas ist es wärmer als in Berlin, Dresden, München, Oldenburg, Wien oder Chur, im Winter sowieso. Und ja, auch hat Chania viel mehr Sonnentage im Jahr zu bieten. Aber: Der so verlockende, wie einprägsame Spruch „No German will freeze in Greece“ („Kein Deutscher wird in Griechenland frieren“), den der Bürgermeister von Chania, Panagiotis Simandirakis, nun in der „Bild“ gedruckt hat, um den ob der drohenden energetischen Auswirkungen des Krieges in der Ukraine in Angst und Schrecken versetzten gemeinen Germanen (am liebsten Ruheständler) in seine Stadt zu locken, damit dieser dort “bei mildem Wetter und hochwertigen Dienstleistungen“ doch bitte gleich „überwintert“, ist natürlich nur eines: grober Unfug.

Manchmal Schnee

Auch in Chania wird es im Winter kalt, es kann sogar schneien. Zwar nicht so oft und nicht so lange, aber leider doch. Die Aussage von Bürgermeister Simandirakis in der „Bild“, wonach die Chanioten „keine Heizung im Haus“ bräuchten, ist zudem schlicht falsch. Heizen müssen die rund 100 000 Bürger auch in Chania, falls sie nicht auf der Straße leben, wo nicht nur Kahlköpfe im Winter stets eine Wollmütze bereit halten sollten.

Immerhin tun sie dies sicher nicht mit mehr oder minder teurem Gas. Und zwar aus einem einfachen Grund: Das können sie nicht. Denn auf Kreta, wie auf allen griechischen Inseln, fehlen Gasleitungen. Die gibt es nur auf dem griechischen Festland. Daher heizt man auf Kreta mit Heizöl, Holz oder Pellets aus Sägemehl. Das ist nicht ganz billig. Heizöl beispielsweise kostete in diesem Winter hier bereits 1,80 Euro der Liter. Womöglich wird es im kommenden Winter noch teurer.

Teures Griechenland

Womit wir schon bei den auch in Griechenland rasant steigenden Lebenshaltungen wären. Die Inflationsrate kletterte im Juni hierzulande auf 12,1 Prozent, der höchste Preissprung seit 29 Jahren. Der griechische Mokka kostet daher wohl nur in einer sehr ruhigen Seitengasse in Chania noch 1,50 Euro. Wer im malerischen venezianischen Hafen, dem ultimativen Touristen-Hotspot, dazu noch die schöne Aussicht genießen möchte, muss deutlich mehr dafür berappen. Bitte merken: Auch Griechenland ist ein kapitalistisches Land, keine real existierende Sowjetrepublik. Es gilt hierzulande seit ewigen Zeiten die marktwirtschaftlich höchst griechische Faustregel: „Perneis oti deinis“ ( „Du kriegst, was Du bezahlst“). Anders gesagt: „Alles hat seinen Preis“.

Überhaupt ist Chania eines der teuersten Pflaster in Griechenland. Das schlägt sich in den Restaurants, Geschäften und allerlei Dienstleistungen nieder. Studenten, besser: deren Eltern als Geldgeber, können ein Lied davon singen. Wenn ferner ein Ferienhaus in Chania schon „ab 300 Euro im Monat (ein Schlafzimmer) plus Nebenkosten (ab 40 Euro)“ zu haben ist, wie ein lokaler Makler in der „Bild“ mit dazu passender Gestik und Mimik werben darf, dann liegt das wohl daran, dass jenes Domizil ziemlich weit außerhalb von Chania liegt, was vor allem im Winter für einen eher etwas beschaulichen Alltag sorgt. Oder das Anwesen befindet sich in einem eher durchwachsenen Zustand – oder gleich beides.

Denn in Hellas steigen die Mieten rasant, auch die Nebenkosten. Strom hat sich besonders in Griechenland extrem verteuert. Das liegt auch am explodierenden Gaspreis. Denn der Strompreis richtet sich, anders als im Rest Europas, fast völlig danach. Konkret: In der Kategorie „Wohnen“ sind die Preise in Griechenland im Juni im Vergleich zum entsprechenden Vorjahresmonat um fulminante 31,5 Prozent in die Höhe geschnellt. Das ist der mit Abstand höchste Anstieg aller zwölf Kategorien, die die griechische Statistikbehörde Elstat allmonatlich zur Berechnung der Inflation heranzieht.

Marodes Gesundheitssystem

Für Rentner dürfte zudem auch ein funktionierendes öffentliches Gesundheitssystem ein wichtiger Faktor für einen Dauerwohnsitz sein. Mit dem Gesundheitssystem ist es in Griechenland nicht zum besten bestellt. Kaputtgespart, völlig überfordert. Die unweigerliche Folge: Mehr als 30 000 Corona-Tote hat Griechenland inzwischen zu beklagen. Wer es sich leisten kann, sucht hierzulande lieber eine Privatklinik auf. Das ist aber teuer. Viele Kreter sehen sich im Übrigen dazu gezwungen, sich in der Haupstadt Athen operieren zu lassen. Vor Ort ist man dazu mitunter nicht in der Lage.

Niedrige Steuern

Was da eher ein wirklicher Anreiz sein könnte, um seine Zelte in Griechenland aufzuschlagen: Die seit dem 8. Juli 2019 im Amt befindliche Regierung in Athen unter dem konservativen Premier Kyriakos Mitsotakis lockt im Ausland befindliche Arbeitnehmer, Selbstständige und Freiberufler damit, ihren Steuerwohnsitz nach Griechenland zu verlegen. Wer dies tut, bekommt einen Nachlass von 50 Prozent auf die Einkommensteuer. Das lohnt sich. In Griechenland werden Löhne und Gehälter sowie Einkünfte aus einer selbstständigen oder freiberuflichen Tätigkeit mit neun Prozent für die ersten 10 000 Euro besteuert. Es folgen drei Steuerstufen mit einem Steuersatz von 22, 28 und 36 Prozent für die jeweils nächsten 10000 Euro. Folglich hat der Steuerpflichtige 9500 Euro für ein Einkommen bis 40 000 Euro an den hellenischen Fiskus abzuführen. Per gewährten Nachlass reduziert sich die Einkommensteuer auf 4750 Euro. Der Spitzensteuersatz von 44 Prozent greift ab einem Einkommen von 40 000 Euro. Auch hier gilt der Nachlass von 50 Prozent, nur 22 Prozent sind fällig. Die Vergünstigung gilt für sieben Jahre. Dabei hat die Regierung Mitsotakis vor allem Selbstständige der IT-Branche und Finanzbranche im Auge, die zu Neo-Griechen in Sachen Steuerwohnsitz werden sollen. Der Gedanke dabei: Für diese „digitalen Migranten“ spielt es keine Rolle, wo sie auf dem Globus arbeiten.

Doch Griechenland, Europas neues Steuerparadies, lockt noch zwei weitere Gruppen damit, fortan seine Steuern am Peloponnes zu entrichten: Reiche und wohlhabende Renter. Wer mindestens eine halbe Million Euro in Griechenland investiert, beispielsweise eine Immobilie kauft, zahlt unabhängig von der Einkommenshöhe eine Steuerpauschale von 100 000 Euro per annum. Blieben noch die Rentner aus dem Ausland. Wie das Athener Parlament im Juli 2020 beschloss, haben sie für ihre Ruhegelder eine Flatrate von lediglich sieben Prozent zu entrichten. Das Sahnehäubchen dabei ist, dass die Rentner-Flatrate auch für Nebeneinkünfte wie Kapitalerträge und Mieteinnahmen gilt. Dafür muss man sich aber mehr als 183 Tage im Jahr in Griechenland aufhalten.

„Bilds“ Neue Liebe

Dass diese Steuervorteile in der mit auffällig hohem personellen und materiellen Aufwand produzierten „Bild“-Reportage pünktlich zum Start der touristischen Sommersaison keinerlei Erwähnung finden, mag verwundern. Vielleicht aber auch nicht. Fest steht: Schon im ersten Corona-Sommer machte sich „Bild“, das zu Beginn der Eurokrise ab dem Frühjahr 2010 noch heftig gegen das faktisch bankrotte Hellas eine ziemlich üble Kampagne führte, ausgerechnet für das krisengebeutelte Griechenland stark – Hand in Hand mit einem großen Touristikkonzern aus Hannover mit dem lachenden Gesicht im Firmenlogo wohlgemerkt. „Ein großer Tag für Griechenland! BILD und TUI eröffnen die Sommersaison auf Kos“, titelte das Blatt Ende Juni 2020 mit riesigen Lettern.