Hier Gut Ding will Weile haben, heißt es im Volksmund. Bei SPD und Grünen in Niedersachsen ist das Gegenteil der Fall. In Windeseile schmiedeten die Parteien ihre neue Koalition. Gerade einmal sechs Tage dauerten die Hauptverhandlungen. Das lag zum einen an der guten Vorarbeit in den thematischen Arbeitsgruppen, zum anderen an der großen programmatischen Übereinstimmung. Der Bogen reicht von der Aufnahme neuer Schulden, um Investitionsprogramme zu mobilisieren, bis hin zu verbindlichen Klimazielen und dem Umbau der Landwirtschaft. Stephan Weil (SPD), der am 8. November zum dritten Mal zum Ministerpräsidenten gewählt werden soll, will schnell sein 970 Millionen Euro schweres „Sofortprogramm“ auf den Weg bringen.

Die auf 14,5 Prozent erstarkten Grünen können sich personell als Gewinner der Verhandlungen fühlen: Gleich vier landespolitisch bedeutsame Ministerien gehen an die Öko-Partei: Vize-Ministerpräsidentin Julia Willie Hamburg bekommt mit dem Kultusministerium ihr Wunschressort. Christian Meyer kann im Umweltressort die Wolfspolitik seines Amtsvorgängers Olaf Lies (SPD) beenden und Miriam Staudte als Landwirtschaftsministerium die Agrarwende umsetzen. Shootingstar aber ist Gerald Heere (43), der erst vor einem Jahr in den Landtag nachgerückt ist und nun das Finanzministerium leiten soll. Damit bekommen die Grünen viel Gestaltungsspielraum.

Die SPD leitet eine Verjüngungskur ein: Falko Mohrs, ein 38-jähriger Bundestagsabgeordneter aus Wolfsburg, soll das Ministerium für Wissenschaft und Kultur führen. Die 45-jährige Osnabrücker Richterin Kathrin Wahlmann, bereits von 2013 bis 2017 Mitglied des Landtags, rückt an die Spitze des Justizministeriums. Und die 41-jährige Anwältin Wiebke Osigus übernimmt von Birgit Honé das Europa- und Regionalministerium. Vergeblich warben der Steuerzahlerbund und andere dafür, das Europaministerium abzuschaffen.

Zu den Gewinnern der Personalrochade Weils gehört auch der Nordwesten. Die Oldenburgerin Hanna Naber (SPD) soll das protokollarisch höchste Amt im Land besetzen: das der Landtagspräsidentin. Und mit Olaf Lies (Umwelt) aus Sande (Kreis Friesland), Boris Pistorius (Inneres) aus Osnabrück und Kathrin Wahlmann stellt der SPD-Bezirk Weser-Ems drei Minister. Nicht zu vergessen Wiard Siebels (Aurich) als Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Landtagsfraktion.

Weil bietet eine „Politik der ausgestreckten Hand“ im Land an. Vor allem die Entwicklung des ländlichen Raums solle mit einer Vielzahl von Maßnahmen gefördert werden. Das sollte nicht nur in Krisenzeiten gelten.