Navigation überspringen
nordwest-zeitung
Abo-Angebote ePaper Newsletter App Prospekte Jobs Immo Trauer Shop

Thomas Haselier zur Verkehrswende Warum die Blechlawinen des Verkehrs keine Zukunft haben

Thomas Haselier
Autos im Stau

Autos im Stau

Seeger/dpa

Oldenburg - Überall wird derzeit von der Zeitenwende gesprochen. Bundeskanzler Scholz war der erste, dann folgten die grünen Minister Habeck und Baerbock. Mal ging es um Putins Imperialismus-Fantasien, dann um die daraus resultierende Energielage in Deutschland, Europa und der Welt oder um die „galoppierende“ Inflation von 7,6 Prozent im Juni.

Erstaunlicherweise verzichtet unser Bundesverkehrsminister Wissing (FDP) in seinem Zuständigkeitsbereich auf eigene Erläuterungen zur Zeitenwende. Dabei hätte auch er Grund genug, sie zu benennen. Die Mobilitätsforscher weisen darauf hin, dass der Individualverkehr, wie wir ihn seit gut 100 Jahren kennen, schon bald vor dem Aus stehen könnte.

Pkw bald nicht mehr 1. Wahl

Verkehrsexperten aus aller Welt, die sich im Mai in Leipzig beim Internationalen Transport Forum trafen, um Erfahrungen auszutauschen, prophezeien, dass der Pkw schon in wenigen Jahren nicht mehr die erste Wahl für die Fortbewegung bleiben wird. Die politischen Entscheider überall in der Welt werden die Notbremse für den uns bekannten Individualverkehr ziehen müssen. Denn gut ein Fünftel des weltweiten Ausstoßes von klimaschädlichem Kohlendioxid wird vom Verkehr verursacht. Einfach nur Autos mit Verbrennungsmotoren gegen Elektroautos zu tauschen, wird definitiv nicht ausreichen, um die Klimaziele zu erreichen. Und noch weniger sinnvoll sind synthetische E-Fuels, die FDP-Chef Christian Lindner zusammen mit dem künftigen VW-Chef Oliver Blume (jetzt noch Porsche) gerne hätte. Auch der Wunsch nach neuen Autobahnen, um unsere Städte schneller zu verbinden, wird schon lange nicht mehr von jedem geäußert, nicht mal von allen Pkw-Nutzern.

Darüber hinaus ersticken die Städte selbst am ständig wachsenden Autoverkehr. Sie wissen nicht mehr, wohin mit den Blechlawinen. Wer einmal in der Rushhour in Hamburg unterwegs war, wird das nicht bezweifeln. Es gibt kaum noch realisierbare Möglichkeiten, die wachsenden Parkbedürfnisse zu befriedigen. Die Städte haben einfach keinen Platz mehr, die abgestellten Autos unterzubringen, ohne die Rechte von Anwohnern zu verletzen. Und es kommen immer mehr, die nicht nur Staus verursachen, sondern insgesamt die Lebensqualität in den Städten weiter und weiter verschlechtern. Auch das Dienstwagen-Privileg, die Pendlerpauschale und die steuerliche Dieselförderung passen da rein. Die Zahl derer, die das alles nicht mehr hinnehmen wollen, wächst von Tag zu Tag.

Die lebensnotwendige Verkehrswende ist nach Überzeugung der meisten Forscher ohnehin nur erreichbar mit einem veränderten Mobilitätsverhalten. Dabei kann das Auto allenfalls ein kleiner Teil eines integrierten digitalisierten und automatisierten Verkehrssystems sein. Innovative Nutzungskonzepte wie Carsharing werden dabei eine besondere Rolle spielen. Schon jetzt gibt es in Deutschland mehr als 200 Carsharing-Unternehmen, die in 840 Städten und Gemeinden ihre Autos anbieten. Jedes neue Carsharing-Auto ersetzt nach Berechnungen der Verkehrsexperten rund zehn Pkw. Das gibt ÖPNV, Fahrrädern und auch E-Rollern mehr Raum und bietet Städteplanern neue Möglichkeiten für eine umweltgerechtere Gestaltung der Städte, einfach weil sie mehr Platz für kreative Ideen haben.

Ebenso notwendig sind aber auch Veränderungen in der Autoindustrie, die nach wie vor auf Wachstum setzt und weiter immer mehr Pkw an die Kunden verscherbelt, die dann weiter Straßen und Städte verstopfen. Diese Art des Wachstums ist schon jetzt gescheitert. Die Umgestaltung geht jedoch nicht von heute auf morgen, aber sie muss dennoch rasch vonstattengehen, will Deutschland künftig nicht seinen industriellen Spitzenrang verlieren.

Und die Landbevölkerung?

Die Zukunftsvisionen der Forscher erscheinen zumindest für die Städte plausibel. Für die Landbevölkerung, die nicht mal eben mit der U-Bahn oder auch dem E-Roller ihr nächstes Ziel ansteuern kann, bleiben viele Fragen unbeantwortet. Denkbar wären dort leistungsfähigere Taxi-Unternehmen, die spontan, zuverlässig und vermutlich auch umweltbewusster als bisher auf individuelle Bedürfnisse eingehen. Rufbusse gibt es bereits, das müsste deutlich ausgeweitet werden. Um das bezahlen zu können, bedarf es öffentlicher Förderung. Dies gilt besonders in Flächenländern wie Niedersachsen, in dem der Öffentliche Personennahverkehr zurzeit das Mobilitätsbedürfnis der Menschen bei weitem nicht ausreichend bedienen kann.

All das sind ganz spezielle Themen einer Zeitenwende, zu denen man gerne auch unseren Bundesverkehrsminister gehört hätte. Volker Wissing ist allerdings derzeit sehr damit beschäftigt, in einem längst verlorenen Abwehrkampf ein Tempolimit auf den Autobahnen zu verhindern. Dabei wäre das für Deutschland ohne Zweifel auch eine Zeitenwende. Und die täte, anders als die meisten anderen, noch nicht einmal wirklich weh.

Themen
Artikelempfehlungen der Redaktion
Feilen am Plan für die neue Saison: Sebastian Schachten (rechts) und Fuat Kilic

WIE GEHT ES BEIM VFB OLDENBURG WEITER? Das sagt Sportleiter Schachten zu Abgängen und Kaderplan

Lars Blancke
Oldenburg
Wird als erste Zeugin im Untersuchungsausschuss angehört: Finanz-Staatssekretärin Sabine Tegtmeyer-Dette (Grüne)

SITZUNG MEHRFACH UNTERBROCHEN Untersuchung zur Beförderung in Weils Staatskanzlei beginnt mit Eklat

Stefan Idel Büro Hannover
Hannover
Meinung
Am 3. Mai ist Tag der Pressefreiheit.

TAG DER PRESSEFREIHEIT Vom Glück, in einem freien Land zu leben

Ulrich Schönborn
Oldenburg
Auf Borkum wurden Ende April rund 20 Säcke mit bislang unbekanntem Inhalt angeschwemmt.

WAS WURDE ANGESCHWEMMT? Borkumer Drogenfund bleibt ein Rätsel

Axel Pries
Borkum
Symbolbild

UNFALL IN OLDENBURG Angetrunkener Radfahrer von Auto erfasst – schwer verletzt

Oldenburg