Tempo 30 in allen Innenstädten. Mit diesem Vorstoß hat das Umweltbundesamt am sogenannten stillen Freitag für mächtig Aufregung gesorgt. Das Thema emotionalisiert nach wie vor die Massen. Doch so gut sich der Vorschlag der Behörde in Dessau-Roßlau auch anhört, er hat leider zahlreiche Haken:

1. Das Argument, die Verkehrssicherheit würde erhöht, stimmt nur bedingt. Denn bei demjenigen, der über eine längere Strecke in geringem Tempo unterwegs ist, droht die Aufmerksamkeit auf Dauer nachzulassen. Das Gefühl, dass bei Tempo 30 nichts passieren wird, kann trügerisch sein.

2. Die Verkehrsführung würde erschwert. Bisher meiden Autofahrer möglichst Straßen mit Tempo 30 und bevorzugen die gut ausgebauten Hauptverkehrsstraßen in den Städten. So werden Wohngebiete entlastet. Gäbe es generell Tempo 30, entfiele dieses Mittel.

3. Zentrale Entscheidungen in den Büros des Bundes für die Menschen vor Ort sind in diesem Fall nicht der optimale Weg. Die lokalen Verkehrsexperten können die Situation vor Ort oftmals wesentlich besser einschätzen. Sie wissen, wo Gefahren lauern, wo Tempo 30 mehr Sicherheit bringen würde.

Zur Klarstellung: Es geht nicht darum, Tempo 30 generell eine Absage zu erteilen. Vor Kindergärten, Schulen und Einrichtungen wie Krankenhäusern oder Altersheimen wird sich niemand gegen eine solche Beschränkung wehren. Tempo 50 sollte aber dort erlaubt bleiben, wo die großen Verkehrsströme fließen.

Nicht vergessen dürfen wir den Punkt Attraktivität der Innenstädte. In Zeiten, in denen immer mehr Einkaufscenter auf der grünen Wiese entstehen und der Onlinehandel den Händlern vor Ort das Leben schwer macht, sollte die Erreichbarkeit der Läden in Citylage nicht noch weiter re­glementiert werden. Zwar lässt sich mit dem Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel und der Verbesserung des Radwegenetzes einiges erreichen. Verzichten können wir auf den Individualverkehr aber (noch) nicht. Leider.

Hermann Gröblinghoff
Hermann Gröblinghoff Politikredaktion (Newsdeskmanager)