Zu schön, um wahr zu sein – oder doch bald die neue Realität? Die IG Metall hat mit ihrer jüngsten Forderung die Fantasie vieler Beschäftigter beflügelt. In der kommenden Tarifrunde, die im November beginnt, will die mächtige Gewerkschaft für die Stahlarbeiter eine Vier-Tage-Woche mit vollem Lohnausgleich verlangen. Nur vier Tage arbeiten, ohne auf Gehalt verzichten zu müssen – da würde sicher kein Arbeitnehmer Nein sagen. Doch das Beispiel Stahlindustrie könnte Schule machen, wenn sich die Gewerkschaft durchsetzt. Und das wäre in Zeiten des Arbeitskräfte- und Fachkräftemangels für die Volkswirtschaft als Ganzes gerade genau das falsche Signal. Denn das Arbeitsvolumen jedes einzelnen wird tendenziell eher zunehmen müssen statt zu sinken, um den weiteren Verlust von Beschäftigten wettzumachen.
Herausfordernder Umbau
Die Stahlbranche steht vor einem beispiellosen Umbau hin zum klimaneutralen grünen Wasserstoff. Die Transformation wird Arbeitsplätze kosten, die die IG Metall versucht, mit Hilfe der Arbeitszeitverkürzung zu retten. Im Vordergrund dürfte also für die Gewerkschaft das Motiv der Beschäftigungssicherung stehen. Derzeit arbeiten Vollzeit-Stahlarbeiter nur 35 Stunden die Woche, da ist es bis zur geforderten 32-Stunden-Woche, verteilt auf vier Tage, nicht mehr weit, argumentiert die Gewerkschaft.
Doch der Stahlindustrie geht es nicht gut, sie leidet nach dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs und dem Wegfall der russischen Energielieferungen ganz besonders unter hohen Energiepreisen. Zudem wird der Umbau Milliarden kosten. Ob die zugesagte staatliche Hilfe dafür ausreichen wird, ist offen. Und der Drei-Schicht-Betrieb an Hochöfen, die 24 Stunden in Betrieb sind, ließe sich nach Angaben der Arbeitgeber bei einer Vier-Tage-Woche nicht mehr organisieren. Alles in allem würde die Umsetzung die Branche überfordern.
Nachahmer in anderen Branchen
Das würde auch für die meisten anderen Branchen gelten. Allerdings besticht auf der anderen Seite auch das Argument des schwindenden Interesses an besonders wichtigen Berufen. Ausgewählte Engpassberufe der Daseinsvorsorge wie etwa die Pflege- oder Erzieherberufe könnten mit dem Angebot einer Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich tatsächlich mehr junge Menschen locken, doch müsste der Lohnzuwachs auch hier finanziert werden. Letztlich fielen die Zusatzkosten auf Steuer- und Beitragszahler, Patienten und Kunden in den Pflegeheimen oder die Eltern kleiner Kinder zurück.
Lücke am Arbeitsmarkt
Hätte die IG Metall in der Stahlindustrie Erfolg, würde das Nachahmer auf den Plan rufen. Doch für die Wirtschaft als Ganzes käme die Vier-Tage-Woche zur Unzeit. Denn wegen der Babyboomer-Jahrgänge, die in Kürze in Rente gehen, fehlen künftig jedes Jahr aufs Neue Hunderttausende am Arbeitsmarkt. Die staatlichen Transferleistungen für sie müssen aber weiter finanziert werden. Mit Zuwanderung allein lässt sich die Lücke nicht schließen. In diese Landschaft passt keine verbreitete Vier-Tage-Woche. Eher wird künftig Mehrarbeit für die Beschäftigten angesagt sein – die dann aber mit guter Bezahlung.
