Der Jubel ist groß. Serbien und der kosovarische Staat haben tatsächlich ein Abkommen unterzeichnet. Die beiden Erzfeinde saßen nicht nur an einem Tisch – sie haben sogar in gewissen Fragen eine Übereinstimmung erzielt. Doch es ist ein voreiliger Jubel. Das Papier könnte in kürzester Zeit obsolet werden.
Kernpunkt des Abkommens ist, dass die Parteien die gegenseitige Annäherung an die EU nicht blockieren. Das kann alles und nichts bedeuten. Die restlichen Punkte waren am Freitagabend noch geheim. Bis Montag müssen aber die Regierungen in Belgrad und Pristina ihr endgültiges Einverständnis mit dem Abkommen erklären. Doch weder der serbische Regierungschef Ivica Dacic noch sein kosovarischer Kollege Hashim Thaci sitzen fest im Sattel. Thaci hat keine Mehrheit im Parlament. Die Opposition huldigt aus voller Seele dem albanischen Nationalismus und wird wohl jedes Zugeständnis an die serbische Minderheit im Norden bekämpfen. Darüber hinaus träumen viele Kosovaren noch immer von einem großalbanischen Staat, dessen Grenzen mehr umfassen sollen als das heutige Albanien. Mit nationalistischer Opposition wird es auch Dacic in Belgrad zu tun bekommen. Der gilt das Kosovo als Keimzelle des serbischen Staates und Erinnerungsort an den Widerstand gegen die osmanische Eroberung im Mittelalter. Diese Opposition ist gut organisiert und kann auf die Unterstützung der serbisch-orthodoxen Kirche bauen.
Am wichtigsten aber wird ein Faktor sein, dessen Vertreter bei den Verhandlungen offiziell gar nicht am Tisch saßen: die 40 000 Serben im Kosovo. Deren Vertreter haben bereits angekündigt, sich jeglicher Einigung zu widersetzen, die ihren Verbleib im kosovarischen Staat beinhaltet. Sie haben gute Argumente, die in folgender Frage zusammengefasst werden können: Warum wird den Kosovo-Serben die Unabhängigkeit verweigert, wenn sie den Kosovo-Albanern doch mit dem Verweis auf das Recht auf nationale Selbstbestimmung gewährt worden ist?
Von wirklicher Ruhe, wirklichem Abbau der Spannungen kann also keine Rede sein. Zwar ist der Balkan kein Pulverfass mehr wie 1914 – der schlimmste Unruheherd Europas wird er jedoch auf absehbare Zeit bleiben.
