Washington - Was Joe Bidens Persönlichkeit wirklich ausmacht, ist in Vergessenheit geraten. Natürlich: Wer gehandicapt durch die Coronakrise monatelang Wahlkampf vom Keller einer Villa im Bundesstaat Delaware per Videotechnologie aus betreibt, kann schließlich ja keine Hand-, Wangen- und Stirnküsse in der Menge verteilen, so wie es der Präsidentschaftskandidat vor der Pandemie getan hat. Er kann nicht unbekannte Männer burschikos mit „Hey man“ anreden. Er kann nicht in einer halben Stunde Hunderte von Selfies mit Fans arrangieren, immer jenen blauen Anzug tragend, der so gut zu seinen blauen Augen passt. Was bedeutet: Er muss zuhören, über den Job oder die Krankheit des Gegenüber reden und gelegentlich eine Handy-Nummer notieren, um später – wie es Berater beteuern – anzurufen.
Wenn Joe Biden den großen Preis für die Demokraten einfahren sollte, so verdankt er dies auch seinen volkstümlichen Fähigkeiten und dem natürlich wirkenden Drang, emotional auf Menschen zuzugehen. Der Fakt, dass er bereits 77 Jahre alt ist, dass mit dem Alter immer wieder Versprecher kommen oder Verwechslungen von Bundesstaaten bei Live-Auftritten („Vermont ist so wunderbar“, sagte er einst in New Hampshire), das nehmen ihm seine Fans nicht übel.
Mitfühlender Kandidat
Man weiß im Biden-Lager, dass der Kandidat nicht perfekt ist und tröstet sich dennoch mit der Tatsache, dass die Schwächen des Bewerbers, allen voran die nach einem halben Jahrhundert Volksvertreter-Routine fehlenden Visionen, die Stärken Bidens nicht verdrängen können. Er präsentiert sich überzeugend als Mann des Volkes der USA – so wie er Tränen fließen ließ, als ihm sein damaliger Chef Barack Obama im Weißen Haus einst die höchste Verdienstmedaille der Nation um den Hals hängte.
„Joe Biden cares“ – Joe Biden nimmt die Sorgen der Menschen ernst, war eine der wichtigsten Botschaften, die die Redner des Parteitags nach außen sendeten. Den schärfsten Kontrast zum amtierenden Präsidenten zeichnete Obama, der am Mittwochabend die derzeit über 170 000 Corona-Toten des Landes vor allem dem Versagen Trumps zuschrieb und diesen als „Zerstörer“ der Demokratie brandmarkte.
Dass Biden glaubwürdig Mitgefühl vermitteln kann, liegt nach Meinung von Biden-Kennern und Freunden vor allem an den persönlichen Tragödien des Demokraten, die kaum an Grausamkeit zu überbieten sind. Seine erste Frau Neilia und seine einjährige Tochter Naomi wurden 1972 kurz vor Weihnachten durch einen rücksichtslosen Lkw-Fahrer getötet. Sein ältester Sohn Beau starb 2015 im Alter von nur 46 Jahren an einem Gehirntumor.
Bruder Hunter Biden gilt als schwarzes Schaf der Familie: Sein Drogenkonsum, seine Liebesbeziehung zur Witwe seines Bruders, aktenkundige Verfehlungen und ein umstrittener Posten bei einer ukrainischen Energiefirma haben jede Menge Negativ-Schlagzeilen produziert.
Enorme Respektsperson
Das alles erklärt, dass sich Joe Biden offenbar gut in das Leid anderer Menschen hineinversetzen kann und sich auch nicht scheut, dies durchblicken zu lassen. Hinzu kommt ein enormer Respekt seines Teams, der als ungewöhnlich geschildert wird. Fast jeder Berater und Helfer redet ihn weiter mit „Sir“ oder „Mr. Vice President“ an – und nicht mit „Joe“.
Nun soll es – trotz Corona –im Wahlkampf-Finale Auftritte geben, meist mit Maske und Distanz. Aber ohne Körperkontakt, den Biden seit Jahrzehnten so schätzt und den er letztes Jahr etwas zurückfuhr, nachdem sich einige Frauen beklagt hatten: Sie hätten dies als „unangenehm“ empfunden. Doch auch derartige Vorwürfe im Fahrwasser der „me too“-Bewegung haben Biden nicht aus der Bahn werfen können. Nun ist über diese Schlagzeilen Gras gewachsen, und TV-Sender wie Magazine in den USA bringen stattdessen jede Menge Anekdoten über „Uncle Joe“ und seine unüberbietbare Volksnähe.
