Lange war von der deutschen Kuscheljustiz die Rede, die die Bosse von Banken und großen Konzernen schont, vor der sich die Manager hierzulande nicht fürchten müssen. Während Gerichte in den Vereinigten Staaten immer wieder gegen Wirtschaftsbosse hart durchgreifen, hohe Strafen verhängen, war dies in Deutschland eher selten der Fall. Bereits vor gut einem Jahr hatte die US-Justiz den früheren VW-Chef Martin Winterkorn wegen schweren Betrugs angeklagt und per Haftbefehl gesucht. Erst jetzt hat auch die Staatsanwaltschaft Braunschweig gegen Winterkorn und vier weitere VW-Manager Anklage erhoben. Die Ermittler verfügen nun offenbar auch in Deutschland über Indizien darüber, dass Winterkorn anders als stets behauptet, sehr wohl von dem Betrug und den Abgasmanipulationen gewusst haben könnte.

Seit dreieinhalb Jahren schleppt sich die Diesel-Affäre nunmehr dahin. Und es hat sich immer mehr der Eindruck verfestigt, dass es auf allen Ebenen an Eifer gefehlt hat, schnell und gründlich aufzuklären. Weder der VW-Konzern selbst, noch die politisch Verantwortlichen, noch die Justiz haben hier schnell Licht ins Dunkel gebracht und rasch gehandelt. Auch für Winterkorn und seine früheren Helfer gilt die Unschuldsvermutung. Doch allein die Anklage ist für die Betroffenen – ob VW-Diesel-Fahrer oder Anteilseigner – ein wichtiges Signal dafür, dass der Rechtsstaat funktioniert und sich die Verantwortlichen vor Gericht verantworten müssen. Von Kuscheljustiz jedenfalls kann keine Rede sein. Auch VW kann die Diesel-Affäre noch lange nicht zu den Akten legen.