Kein Politiker seit Kemal Atatürk hat die Türkei so stark verändert wie Recep Tayyip Erdogan. Doch im Gegensatz zum Republikgründer treibt der islamistische Ministerpräsident das Land zurück nach Asien, ja schlimmer noch in eine religiös legitimierte Despotie. Bemerkenswert ist dabei die Tatsache, dass die Mehrheit der Türken ihn auf diesem Weg unterstützt. Am Bosporus und in Anatolien erleben wir eine Zeitenwende.

Die jüngsten Enthüllungen und die folgenden Gegenmaßnahmen Erdogans hätten ihn in jeder westlichen Demokratie als bis auf die Knochen korrupt und unerträglich autokratisch bloßgestellt. In Frankreich, Großbritannien, Polen oder Deutschland wäre er für immer erledigt gewesen. In der Türkei dagegen feiert der Mann, der die Meinungsäußerung beschneidet, politische Gegner in Schauprozessen kaltstellt und Kritikern „Verfolgung bis in ihre Höhlen“ androht, triumphale Wahlsiege. Die Mehrheit der türkischen Bevölkerung kann sich mit seinem Treiben also zumindest arrangieren. Der Grund dürfte auch darin zu suchen sein, dass Erdogan und seine Partei Wohlverhalten gezielt mit wirtschaftlichen Vorteilen belohnen. Eine Investition hier, ein Zuschuss dort: Schon ist klar, wer die Macht hat, die Lebensverhältnisse zu verbessern – und sie bei Kritik auch wieder zu verschlechtern. Natürlich hat derartige vormoderne Klientelpolitik mit den Spielregeln der westlichen Demokratie nicht das Geringste gemein.

In der Türkei sind heute die säkularisierten, prowestlichen Schichten, denen das ein Graus ist, hoffnungslos in der Minderheit. Darum ist die Türkei (leider) nicht nur kein Kandidat mehr für die EU, sie versagt auch in der Rolle des Mittlers zwischen Orient und Okzident. Erdogan und seine Leute – das zeigen die Mitschnitte von Gesprächen über den Syrienkonflikt – träumen vielmehr von einer Art neo-osmanischer Hegemonie über den Nahen Osten.

Zwei Tatsachen haben sie jedoch übersehen. Zum einen wird die Jugend derartigen Despotismus nicht hinnehmen. Die Besten und Klügsten werden irgendwann mit den Füßen abstimmen – nach Westen. Zum anderen ignoriert Erdogan eine entscheidende politische Konstellation: Die Türkei braucht Europa. Umgekehrt ist das nicht der Fall.

Dr. Alexander Will
Dr. Alexander Will Mitglied der Chefredaktion (Überregionales), Leiter Newsdesk