Es gibt drei Dinge, die im Leben von Ferdinand Piëch zählen: Volkswagen, Familie und Geld. Und zwar genau in dieser Reihenfolge, wie er selbst einmal bekannt hat. Nun gibt der VW-Patriarch das auf, was ihm stets am wichtigsten war: die Macht bei Volkswagen.

Für den Wolfsburger Hersteller bedeutet der Rückzug des 78-Jährigen eine Zeitenwende. Kein Manager hat Europas größten Autobauer, ja vielleicht sogar die deutsche Wirtschaftsgeschichte, als Persönlichkeit in den vergangenen 20 Jahren stärker geprägt als Piëch. Es war maßgeblich seine Vision, die VW zum Zwölf-Marken-Konzern machte; zu einem Unternehmen, das sich anschickt, vom Mittellandkanal aus zum weltgrößten Autobauer aufzusteigen.

So sehr diese Verdienste zu würdigen sind, so sehr war sein Abgang nach den Vorkommnissen der vergangenen zwei Wochen nun notwendig, ja überfällig. Erstmals in seiner Ära als vermeintlicher Über-Manager bei Volkswagen hat sich der 78-Jährige verzockt. Ausgerechnet der Taktiker Piëch hat die Machtverhältnisse im Fall Winterkorn falsch eingeschätzt. Wurde der von Piëch initiierte Abschuss der früheren Top-Manager Pischetsrieder (VW) und Wiedeking (Porsche) vor einigen Jahren von den übrigen VW-Oberen noch ohne großen Widerstand hingenommen, sah sich der VW-Patriarch in der Personalie Winterkorn nun einer mächtigen Allianz aus Arbeitnehmervertretern, Land Niedersachsen und Porsche-Familie gegenüber. Am Ende stand er allein auf weiter Flur. Dass er hinter dem Rücken der übrigen Aufsichtsräte dennoch weiter stur versuchte, den Konzernchef aus dem Amt zu drängen, führte zu einem Vertrauensverlust, der nicht mehr zu kitten war.

Der Rücktritt Piëchs hat dem Konzern nun zumindest kurzfristig vor der Hauptversammlung am 5. Mai etwas Luft verschafft. Um langfristig Ruhe einkehren zu lassen, sollte Volkswagen sich allerdings möglichst rasch darum bemühen, das entstandene Machtvakuum auszufüllen. Der Abgang des VW-Patriarchen gibt dem Konzern die Chance, die hierarchischen und autoritären Strukturen zu überwinden, die ganz auf das Machtzentrum Piëch zugeschnitten waren, aber eigentlich nicht mehr zeitgemäß sind. Es wäre Zeit für eine Zeitenwende bei VW.

Jörg Schürmeyer
Jörg Schürmeyer Thementeam Wirtschaft