Erinnern Sie sich noch an den letzten Februar? Da haben uns drei Orkane kurz hintereinander kräftig durchgepustet. Ylenia, Zeynep und Antonia haben deutschlandweit zusammen rund 900 Milliarden Euro an Versicherungsschäden verursacht. Allein der Hurricane Wladimir stahl den drei Sturmtiefs in diesem Schreckensmonat die Schau.

Die Namen für Tief- und Hochdruckgebiete kann übrigens jeder beim Institut für Meteorologie der Freien Universität Berlin kaufen. Tiefdruckgebiete kosten 240, Hochdruckgebiete, weil sie meist stabiler sind, etwas mehr: 360 Euro.

Es ist müßig, darüber zu spekulieren, wer „Ylenia“ oder „Zeynep“ bestellt hat. Es könnte jemand gewesen sein, dem Diversität am Herzen liegt. Es ist ja neuerdings Mode geworden, alle möglichen vermeintlich marginalisierten Gruppen „sichtbar“ machen zu wollen, so als würde das unsere Welt auch nur ein Stückchen besser machen.

Historisches Bewusstsein?

Es könnte aber auch jemand mit einem Bewusstsein für die ganz großen Linien der Geschichte gewesen sein. Zeynep ist ein schöner Mädchenname, die türkische Version des arabischen Namens Zainab, der so viel bedeutet wie „Wüstenblume“. Für einen Orkan ist das eine seltsame Bezeichnung. Doch halt! Auf Griechisch und Lateinisch heißt Zainab Zenobia. Und die historische Zenobia war alles andere als eine Wüstenblume.

Autor dieses Textes ist Michael Sommer. Der gebürtige Bremer ist Professor für Alte Geschichte an der Uni Oldenburg und Vorsitzender des Philosophischen Fakultätentages, der Interessenvertretung der geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer in Deutschland. (Foto: privat)

Autor dieses Textes ist Michael Sommer. Der gebürtige Bremer ist Professor für Alte Geschichte an der Uni Oldenburg und Vorsitzender des Philosophischen Fakultätentages, der Interessenvertretung der geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer in Deutschland. (Foto: privat)

Sie herrschte von 267 bis 272 n. Chr. über die antike syrische Oasenstadt Palmyra, das „Venedig im Wüstensand“, wie es ein französischer Archäologe genannt hat. Zenobia war nicht nur die Herrscherin einer der reichsten Metropolen der antiken Welt, sondern eine der mächtigsten Frauen des Altertums überhaupt, in einem Atemzug zu nennen mit Kleopatra und allenfalls noch Livia, der politisch versierten Gattin des Kaisers Augustus. 260 n. Chr. erlitt der römische Kaiser Valerian weit im Osten eine katastrophale Niederlage gegen die Perser. Hätte im entstehenden Machtvakuum nicht Septimius Odainat, der Stadtherr von Palmyra, rettend eingegriffen, wären die orientalischen Provinzen für das Imperium verloren gewesen. Odainat organisierte nicht nur erfolgreich den Widerstand gegen die Perser, sondern ging sogar zur Gegenoffensive über. Der dankbare Kaiser Gallienus überschüttete den Palmyrener mit Titeln und Ehrungen.

Los von Rom?

267 starb Odainat plötzlich, vermutlich an einem Unfall. Aus römischer Sicht war damit der Sonderstatus Palmyras beendet, den man Odainat gewährt hatte. Alle Ämter und Titel fielen zurück an den Kaiser, der sie verliehen hatte. Doch Odainats Witwe Zenobia dachte überhaupt nicht daran, das Feld freiwillig zu räumen. Für sie war ihr minderjähriger Sohn Wahballat der legitime Nachfolger ihres Gatten. Die Macht hatte in der Dynastie zu bleiben, die Odainat gegründet hatte.

Deshalb ließ Zenobia zunächst Münzen mit dem Porträt des römischen Kaisers auf der Vorder- und dem Wahballats auf der Rückseite prägen. Wenn das als Friedensangebot gedacht war, wurde es in Rom nicht so verstanden, zumal Zenobia zugleich an der Eskalationsschraube drehte. Sie besetzte das fruchtbare Ägypten, aus dem Rom sein Getreide bezog.

Politischer Mythos

Für Kaiser Aurelian stand viel auf dem Spiel. Er setzte ein riesiges Heer in Marsch, um Palmyra zu zermalmen. Die selbstbewusste Zenobia brachte unterdessen Denare in Umlauf, auf denen ihr eigenes Abbild prangte, darum die Legende: Zenobia Augusta. Am Ende nützte ihr weder Ägypten etwas noch die Propaganda: Aurelian siegte in drei Schlachten über die Palmyrener. Er eroberte Palmyra im August 272, vor exakt 1750 Jahren, war aber zu klug, um die Stadt dem Erdboden gleichzumachen. Die Königin ging in Gefangenschaft, wo sie vermutlich umkam.

Ihrem nicht ganz so ruhmreichen Ende zum Trotz: Zenobia war ein politischer Wirbelwind, der das römische Imperium für etliche Jahre in den politischen Krisenmodus versetzte. Für den künstlichen, durch die Mandatsmacht Frankreich geschaffenen Nationalstaat Syrien ist sie noch immer eine Identifikationsfigur, ein politischer Mythos, an den die vielen Ethnien und Religionen in dem Bürgerkriegsland alle irgendwie andocken können. Nationen brauchen Mythen, und die kämpferische Zenobia ist vielleicht nicht die schlechteste Projektionsfläche für Identität.