Der Westen wird von einer Welle der Iran-Euphorie überschwemmt. Wirtschaftskapitäne träumen von guten Geschäften und Politiker von einem stabilisierenden Iran, der die Pforte zum ewigen Frieden in der Region aufstoßen möge. Doch Eile mit Weile, denn die Verhältnisse, sie sind nicht so.
Ja – es gibt enormen ökonomischen Nachholbedarf. Es gibt im Iran einen riesigen Binnenmarkt und eine relativ große Mittelschicht. Es gibt moderne Unternehmen. Aber – die ökonomischen Strukturen sind intransparent, das Rechtssystem bestenfalls willkürlich. In den Staatsbetrieben existieren Kommandostrukturen, das soziale Gefüge des Landes zeigt spätfeudale Züge. Zudem fällt der Ölpreis. Wie also will der Iran die große Wunschliste bezahlen?
Ja – die Bevölkerung ist jung, gebildet, motiviert und weltoffen. Aber – auch das islamische System bietet Aufstiegschancen. In der Staatswirtschaft, den Revolutionsgarden, der Armee, den Geheimdiensten und nicht zuletzt den religiösen Strukturen. Genau das hat das System der islamischen Republik über Jahrzehnte stabilisiert.
Ja – im Iran haben die „Reformer“ wichtige Wahlen gewonnen. Aber – was sind das für „Reformer“? Sie teilen mit den „Konservativen“ den Konsens, dass es das System, also die Diktatur des Klerus, zu erhalten gilt. Die Differenzen sind bestenfalls taktischer Natur und spiegeln im übrigen nur die üblichen Kämpfe um Einfluss und Pfründen, für die herrschende Eliten in Diktaturen schon immer gern bereit waren. Konsens herrscht übrigens auch über destabilisierende Großmachtfantasien, die sich gerade in Kriegen im Jemen und in Syrien äußern. Und Konsens herrscht auch über den politischen Volkssport im Iran: hemmungslosen Antisemitismus, der sich nicht nur in übler Vernichtungsrhetorik gegen Israel materialisiert.
Angesichts dessen riecht die aktuelle Politik des Westens nach einer Art Appeasement. Dazu sagte Franklin D. Roosevelt einmal sinngemäß, es handle sich um eine Politik, bei der man seine Freunde einen nach dem anderen an ein Krokodil verfüttere, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Es wäre eine Katastrophe, wenn sich das im Falle Iran (Krokodil) und Israel (Freund) als richtig erwiese.
