BERLIN - Die fragenden Blicke weichen purem Entsetzen. Wo bleibt er? Es ist der 5. September 1970, um genau 15.35 Uhr. Abschlusstraining zum Großen Preis von Italien in Monza. Seine finnische Ehefrau stoppt die Zeiten mit. Doch Nina wartet diesmal vergebens. Jochen Rindt, dominierender Formel-1-Pilot, überquert die Ziellinie nicht mehr. In der Parabolica ist Rindt mit seinem Lotus 72 in die Leitplanken gekracht. Er stirbt. Bernie Ecclestone trägt den blutverschmierten Helm. Die Formel 1 verliert eine ihrer charismatischsten Persönlichkeiten.

Wie ein Tornado war dieser Mann in Sommer 1970 über die Formel-1-Landkarte gefegt. Er gewann die Rennen in Monte Carlo, Zandvoort, Clermont-Ferrand, Brands Hatch und Hockenheim. Jochen Rindt – der Draufgänger mit dem Raubvogelgesicht, der Waghalsige, der Mutige, der Begnadete, der Lässige, der Ehemann, der Vater, der erste Popstar der Formel 1.

Als WM-Spitzenreiter kam Rindt schließlich nach Monza. Er ist 28 Jahre alt, auf der Höhe seines Könnens, er scheint unschlagbar, kennt aber auch die Schwachstelle in seinem WM-Plan: „Ich weiß, dass ich so gut bin, dass ich keine Fehler mache. Aber ich weiß nicht, was ich noch tun kann, wenn etwas am Auto bricht.“

Es ist Sonnabendnachmittag in Monza. Im Abschlusstraining bleibt eine knappe halbe Stunde Zeit.

Rindt macht sich fertig, gibt Nina einen Kuss. „Ich fahr“ zwei, drei Runden, dann bin ich wieder da“, ruft er den Mechanikern zu. Es ist ein Abschied für immer.

Denn dann passiert das Unvorhergesehene. Das Leben des Mannes, der in Österreich ein Nationalheld ist, endet in der Parabolica-Kurve von Monza, an der Leitplanke, eingeklemmt im Wrack seines ultraflachen Lotus 72. Eine gerissene Halsschlagader ist die primäre Todesursache, zerfetzt am Armaturenbrett des Autos, das viele Beobachter jener Zeit als rollenden Sarg bezeichnen. Konstrukteur Colin Chapman gilt als Genie, allerdings geht er zugunsten der maximalen Geschwindigkeit oft grenzwertige Risiken ein.

Im Anflug auf die Parabolica, in der fast auf den Tag genau neun Jahre zuvor am 10. September 1961 Wolfgang Graf Berghe von Trips sein Leben gelassen hatte, bricht in Rindts Lotus eine Bremswelle.

Der Lotus zerschellt. Rindt wird aus den Brustgurten gerissen und erleidet beim Aufprall auf Armaturen und Lenkrad die tödlichen Verletzungen. Vielleicht hätten ihn Oberschenkelgurte gerettet, doch auf die hatte er verzichtet, aus Angst, bei einem Feuerunfall nicht rechtzeitig aus dem Auto zu kommen.

Seine letzte Ruhe findet Jochen Rindt auf dem Zentralfriedhof in Graz. Als Jacky Ickx im vorletzten Saisonrennen in den USA nur Vierter wird, steht Rindt als Champion fest. Uneinholbar ist der Vorsprung, den er im Sommer 1970 herausgefahren hatte.