Shanghai - Die Laune bei Ferrari ist in diesen Tagen so trüb wie der Smog über Shanghais Formel-1-Rennstrecke. So schlecht wie in diesem Jahr ist die Scuderia schon lange nicht mehr in eine Saison gestartet – und Besserung ist auch in China nicht in Sicht. „Wir müssen ehrlich sein: Wir sind nicht da, wo wir sein wollten“, sagte Vorjahressieger Fernando Alonso, der wohl auch im fünften Jahr die Sehnsucht nach einem Titel in Rot nicht stillen kann. Die drei enttäuschenden Auftaktrennen kosteten Teamchef Stefano Domenicali das Amt, nun soll es der in der Branche bislang völlig unbekannte Marco Mattiacci richten.
Ausgerechnet die Motoren-Revolution in der Formel 1 hat den stolzen Sportwagen-Hersteller aus Maranello vollends aus der Spur gebracht. Kein Wunder, dass die Ferraristi seit Wochen an den neuen Regeln der Königsklasse herumnörgeln. „Das ist eine Formel 1, die keinen Spaß macht, die man nicht versteht, sie ist zu kompliziert“, motzte Firmenchef Luca di Montezemolo vor dem vierten Saisonrennen an diesem Sonntag (9 Uhr/RTL).
In einer von Ferrari organisierten Internet-Umfrage lehnten 80 Prozent der Teilnehmer die Formel-1-Reformen ab. Sogar den Präsidenten des Olympischen Komitees Italiens zitierte das Team auf seiner Homepage. „Ich mag diese Formel 1 nicht. Meiner Meinung nach liefert sie ein Produkt, das absolut keinen Sinn macht“, wetterte Giovanni Malagò.
Aber es hilft wohl nichts. Ferrari muss bis auf weiteres aus eigener Kraft den Anschluss an die Spitze herstellen. „Derzeit besteht unsere Priorität darin, uns als das zweitbeste Team zu etablieren“, sagte Chefingenieur Pat Fry. Mercedes erscheint übermächtig, die Liste der Probleme bei der Scuderia ist zu lang für höhere Ansprüche.
Seit elf Monaten wartet Ferrari auf einen Grand-Prix-Sieg. Schon 35 Punkte trennen den Spanier Alonso von WM-Spitzenreiter Nico Rosberg. Rückkehrer Kimi Räikkönen hat gar erst sieben Punkte gesammelt. Eigentlich sollte der Finne seinen Teamgefährten Alonso zu neuen Höchstleistungen treiben, zuletzt in Bahrain aber fuhr das Duo auf den Plätzen neun und zehn über den Zielstrich.
„Es ist Zeit für einen maßgeblichen Wandel“, hatte Domenicali zum Abschied in dieser Woche gesagt und beteuert: „Mein Ziel ist es, wachzurütteln.“ Prompt machte Montezemolo die Aufräumarbeiten zur Chefsache. „Ich werde im Vergleich zu den letzten Jahren zur Vergangenheit zurückkehren: Näher am Team und an der Formel 1“, kündigte der 66-Jährige an. Wie ein Vertrauensvorschuss für den neuen Teamchef Marco Mattiacci wirkt das eher nicht.
