Silverstone - Manchen erschien es wie eine Zeitenwende. Ferrari als Hüter von Fairness und Moral, ausgerechnet die Scuderia verzichtet auf eine Stallorder – und damit auf wichtige WM-Punkte für Sebastian Vettel. Das rief sogar die ergraute Eminenz der Formel 1 noch mal auf den Plan.
„An Ferraris Sportsgeist“, sagte Bernie Ecclestone, „können sich alle ein Beispiel nehmen.“ Vor dem Großen Preis von Großbritannien an diesem Sonntag (15.10 Uhr/RTL) scheint das Team aus Maranello mit alten Gewohnheiten zu brechen, mitten im WM-Kampf mit Mercedes und Lewis Hamilton.
Lob von Ecclestone
Denn am vergangenen Wochenende durfte Kimi Räikkönen den selbst erkämpften zweiten Platz doch tatsächlich behalten, der Finne musste seinen Teamkollegen Vettel nicht passieren lassen. Obwohl dieser um die Weltmeisterschaft kämpft. Und Ecclestone, langjähriger Chef der Königsklasse, lässt die Roten hochleben. „Es wäre einfach gewesen, Vettel kurz vor Schluss vorbeizuwinken“, sagte der 87-Jährige: „Aber Ferrari verzichtete darauf. Damit hielten sie nicht nur die sportliche Fairness hoch, sondern auch die Moral von Kimi.“
Der Kurs ist die Heimat des britischen Motorsports und der Premieren-Ort der Formel 1. In Silverstone wurde vor 68 Jahren der erste WM-Lauf der Königsklasse gestartet. Sieger am 13. Mai 1950 wurde der Italiener Giuseppe Farina im Alfa Romeo. Für die meisten Teams ist der Grand Prix ein Heimspiel: Selbst der deutsche Werksrennstall Mercedes hat seine beiden Fabriken nicht weiter als 35 Kilometer von dem immer wieder veränderten, überarbeiteten und modernisierten Kurs.Silverstone ist in den vergangenen Jahren vor allem eine Mercedes-Strecke gewesen. Fünf Siege nach-einander fuhren die Silberpfeile ein.
Auch die Fragen an alle Hauptdarsteller drehten sich nach dem Grand Prix in Österreich nicht ohne Grund auffällig um den Verzicht auf eine Stallregie. Denn Ferrari hat mit dieser Entscheidung eine drängende Frage beantwortet: Wie weit wird das Team gehen, um Vettel den Weg zu seinem fünften WM-Titel zu ebnen? Das Thema Stallorder ist ohnehin fest mit Ferrari verknüpft, dafür haben die Italiener selbst gesorgt.
„Let Michael pass for the championship“ – diese Worte des damaligen Teamchefs Jean Todt sind fast legendär, sie stehen bis heute exemplarisch für die skandalöse Bevorzugung von Fahrer A vor Fahrer B, für falsches Spiel vor aller Augen. 2001 und 2002 wurde Michael Schumacher auf plumpe Art an Teamkollege Rubens Barrichello vorbeigewunken. Jeweils ausgerechnet in Österreich.
Vettels Edelhelfer
Und auch seit Vettel 2015 zu Ferrari wechselte, ist offensichtlich, dass der Deutsche die Hoffnungen der Scuderia auf den ersten Fahrer-Titel seit 2007 trägt – und der treue Räikkönen, der vor elf Jahren just diese WM gewann, eben nur ein Edelhelfer ist. So erhielt der Finne durchaus schon die nachteilige, riskantere Strategie und wurde auf diese Weise von Vettel überholt. Das ist deutlich subtiler, aber eben auch wirksam. Schlimmeres schien daher durchaus möglich.
Dass Ferrari nun aber der Verlockung eines Platztausches auf der Strecke widerstand, ist eine sehr gute Nachricht für die Formel 1. Würden die Italiener, wie einst, schon zur Saisonhalbzeit auf dieses letzte Mittel zurückgreifen, läge schon jetzt ein dunkler Schatten über der eigentlich hochspannenden Saison.
„Für den ganzen Sport, die Fahrer und auch die Fans wäre es eine brutale Entscheidung gewesen“, sagt Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff, der aber „nicht überrascht“ war: „Wir hätten es auch nicht getan.“ Vettel führt vor Hamiltons Heimspiel in Silverstone nun also mit nur einem Punkt Vorsprung auf den Engländer das WM-Klassement an. Es könnten vier sein. Doch wenn er in wenigen Monaten tatsächlich den WM-Pokal in Empfang nehmen darf, ist der Triumph auf diese Weise viel mehr wert.
