Suzuka - Spätestens wenn Sebastian Vettel und Co. wieder durch die verhängnisvolle Kurve sieben rasen, werden die schlimmen Erinnerungen hochkommen. Vor knapp einem Jahr verunglückte der Franzose Jules Bianchi beim Großen Preis von Japan in Suzuka und erlag Monate später seinen schweren Kopfverletzungen. Die Debatte um die Sicherheit in der Formel 1 ist vor der Rückkehr an den Unglücksort allgegenwärtig.

„Die Umstände des Unfalls waren sehr speziell, daraus musste gelernt werden und wurde gelernt“, sagte der viermalige Weltmeister Vettel vor dem Rennen am Sonntag (7.00 Uhr/RTL und Sky): „Leider kann man aber die Zeit nicht zurückdrehen. Ansonsten kann man an dem Thema immer arbeiten, es gibt immer ein gewisses Risiko, das man in Kauf nimmt, das ist auch gut so, das gehört zum Sport.“

Bianchi war am 5. Oktober 2014 in seinem Marussia auf regennasser Fahrbahn von der Strecke abgekommen und mit hoher Geschwindigkeit unter einen Bergungskran gerutscht. Nach rund neun Monaten im Koma starb der 25-Jährige Mitte Juli in einer Klinik in seiner Heimatstadt Nizza. „Wenn so etwas (der Unfall, d.Red.) passiert, wird man natürlich im ersten Moment wachgerüttelt“, sagte Vettel.

Konsequenz des Vorfalls war unter anderem die Einführung von Geschwindigkeitsbegrenzungen in Gefahrensituationen mit Hilfe eines virtuellen Safety Cars, außerdem gab es unter anderem neue Überlegungen für geschlossene Cockpits der Boliden. „Wir können es immer besser machen“, sagte Vizeweltmeister Nico Rosberg: „Der Kopfschutz ist zum Beispiel ein Thema, das wir immer weiter vorantreiben müssen.“

Diskussionen um die Sicherheit gehören zur Formel 1, und obwohl große Fortschritte gemacht wurden, wird es doch nie absolute Sicherheit geben. „Aber die Dinge, die man in der Hand haben kann, die sollte man in Zukunft versuchen, zu beeinflussen und zu verbessern“, sagte Ferrari-Star Vettel. Für Mercedes-Pilot Rosberg macht unnötiges Risiko ohnehin keinen Reiz aus: „Das brauche ich nicht. Speed ist der Reiz, die Perfektion suchen, der Kampf - das ist der Reiz.“

Bianchis tödlicher Crash war eine Verkettung äußerst unglücklicher Umstände. Einen „Freak-Accident“ nannte es Williams-Chefingenieur Rob Smedley: „Für so etwas gibt es keine Crash-Tests.“ Zuvor hatte die Königsklasse seit mehr als 21 Jahren keinen ihrer Piloten mehr an einem Rennwochenende verloren. Zwei denkwürdige Tage 1994 in Imola, als Roland Ratzenberger und Ayrton Senna starben, hatten vieles verändert.

Mit dem Automobil-Weltverband FIA wird seither fortlaufend an Verbesserungen gearbeitet. Bilder von Piloten, die unversehrt aus ihren völlig zerstörten Autos steigen, sind mittlerweile normal. Es ist das Ergebnis hocheffizienter Arbeit. Aus jedem schwereren Unfall hat die Formel 1 gelernt, Autos, Overalls, Helme und Rennstrecken immer weiterentwickelt. Zuletzt hatte ein Zuschauer auf der Strecke in Singapur für einen Schockmoment gesorgt.

„Ich bin zufrieden damit, wo wir bei der Sicherheit stehen“, sagte Force-India-Fahrer Nico Hülkenberg. Man könne den Sport „nicht 100 Prozent sicher machen, komplett sterilisieren und alle Eventualitäten ausschließen“, sagte der 27-Jährige: „Wenn man überall einen Kilometer Auslaufzone hat, das will keiner mehr sehen.“

Todesfälle soll es aber nie wieder geben. Vor allem Bianchis Rennstall Manor-Marussia fällt die Rückkehr nach Suzuka schwer. „In Japan haben wir offensichtlich einige ziemlich schwierige Erinnerungen, mit denen wir uns auseinandersetzen werden müssen“, sagte Marussia-Boss Graeme Lowdon bei Motorsport-Magazin.com: „Wir müssen zusehen, denjenigen unter die Arme zu greifen, die Schwierigkeiten mit der Situation haben.“