FRANKFURT/MAIN - Seyfried & Ziska: „Die Comics. Alle!“, Zweitausendeins, Frankfurt/Main, 700 S., 39,90 Euro.
Von Karsten Krogmann
Laut Paragraph 90 Strafgesetzbuch ist es verboten, den Staat zu verunglimpfen. Erlaubt ist es demnach, den Staat zu verglimpfen.
„Es lebe der Staat!“, brüllt also ein ungewaschener Bleistiftkerl im Karohemd. Ein Bild vorher sagte er noch: „Ein Depp ist er, der Staat“, aber das ist ja verboten. So schreibt es Gerhard Seyfried in seinem „Illustrierten Strafgesetzbuch“.
Wenn er spricht, geht Seyfried, Jahrgang 1948, etwas weniger differenziert vor. „Ich verarsche gern“, tat er erst neulich in einem Interview kund, „und unser Land hat es nötig.“
Er zeichnet einen Polizisten mit schicker Mütze. „Sie sind vorläufig festgenommen!“, blafft der seinen verblüfften Zeichner an. Er zeichnet auch einen Präsidenten des Deutschen Bundestages. „Das Wort hat der Abgeordnete Schlorenz!“, ruft er. „Haltet Ihn!“ und „Oha!“ antworten aufgeregt die Kollegen, während im Hintergrund der Abgeordnete Schlorenz verduftet, unterm Arm das Wort.
Seyfried, der beinah Industriekaufmann und fast studierter Grafiker geworden wäre, wurde mit seinen Polizisten- und Politiker-Cartoons zum Leib- und Magenzeichner der Linken. Vor allem sein Schwarzweiß-Band „Wo soll das alles enden. Kleiner Leitfaden durch die Geschichte der undogmatischen Linken“ fehlte Ende der 70er-Jahre in keinem gut sortierten WG-Haushalt. Dabei verlachte Seyfried keineswegs nur Autoritäten – APO, Freaks und Anarchisten bekamen mindestens ebenso ihr Fett weg. Und sämtliche Alt- und Neu-Nazis, CDU-Wähler, antiautoritäre Eltern, Ökobauern und Hausbesitzer sowieso, kurz: alle anderen Deutschen.
Später zeichnete Seyfried auch in Farbe, etwa den grandiosen Wende-Comic „Flucht aus Berlin“. Und er tat sich mit Ziska Riemann zusammen, einer Zeichnerin, die 25 Jahre jünger ist als er und etwas ungehobelter mit dem Stift umgeht. Da wurde auch Seyfrieds Strich grober, die Inhalte erst Recht – vielleicht, weil die Welt ja auch grober geworden war?
Es half jedenfalls nichts: In den vergangenen Jahren ging uns der Seyfried irgendwie verloren. Jetzt setzt der Verlag Zweitausendeins ein Signal gegen das Vergessen: „Die Comics. Alle!“ von Seyfried & Ziska. Drei Kilo schwer ist der Band, 700 Seiten dick; es ist schließlich erlaubt, den Leser zu verglimpfen. Fehlen darf das Werk in keiner gut geführten Polizeistube, ach was: einfach nirgendwo!
