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Roman: Heißes Herz weicht kühlem Kopf

31.03.2021

Als Drehbuchautorin fürs Fernsehen war die Koreanerin Cho Nam-Joo viele Jahre lang tätig, bis ihr erster Roman sie ins Rampenlicht schob. „Kim Jiyoung, geboren 1982“ wurde zum weltweiten Bestseller und liegt nun auch auf Deutsch vor; Ki-Hyang Lee übersetzte den schmalen Band. Dass es den hiesigen Buchbegeisterten jetzt zur Verfügung steht, so viel sei vorweggenommen, ist ein großer Gewinn.

Hauptlast zu schultern

Kim Jiyoung steht zu Beginn der Erzählung neben sich. So zumindest nehmen die Menschen um sie herum die 33-Jährige wahr, als sie beginnt, mit fremden Stimmen zu sprechen. Bei einer Familienfeier, bei der sie – wieder einmal – die Hauptlast der Arbeiten zu schultern hatte, bricht es aus ihr heraus. Sie schlüpft in die Rolle ihrer eigenen Mutter, klagt wütend an. „Es kam zum Eklat“, heißt es über das, was sie schließlich zu einem Psychiater bringt.

Das Herzstück des Romans liefert in der Folge einen sprachlich bewusst nüchtern und oft sachlich gehaltenen Bericht über die Lebensgeschichte der Protagonistin. Von der Geburt bis zur Gegenwart wird in knappen Sätzen ihr Leben ausgebreitet.

Schnell wird dabei klar, was im Mittelpunkt steht: die Rolle der Frau in Südkorea. Und je weiter die Geschichte voranschreitet, je vielfältiger die Einblicke ins Familien- und Berufsleben werden, desto deutlicher wird beim Lesen: Es geht nicht nur um Südkorea. Denn das, was Kim Jiyoung widerfährt, darüber können Frauen in der ganzen Welt berichten.

Es fängt schon damit an, dass ihre Eltern eigentlich viel lieber einen Sohn auf die Welt gebracht hätten. Hier und auch an anderen Stellen arbeitet die Autorin sogar mit Fußnoten, für einen Roman eher ungewöhnlich, aber in dieser Form durchaus erhellend für die Lektüre. Und es geht weiter: Söhne werden grundsätzlich gegenüber ihren weiblichen Geschwistern bevorzugt, in der Schule gibt es unerwünschte Berührungen, die nur scheinbar zufällig geschehen. Die Aufdringlichkeiten eines Fremden kommentiert Kim Jiyoungs Vater so: „Warum trägst du überhaupt einen so kurzen Rock?“

Viele Demütigungen

Die Demütigungen und Zurückweisungen setzen sich fort. Trotz bester Kenntnisse einen Job finden? Alles andere als einfach. Im späteren Familienleben auf die konsequente Unterstützung des Ehemanns setzen? Weit gefehlt. Als herauskommt, dass an ihrer früheren Arbeitsstätte Kameras auf der Frauentoilette installiert wurden und die Betroffenen Konsequenzen einfordern, heißt es lapidar: „Für die Frauen ist es doch auch nicht gerade vorteilhaft, wenn die Gerüchte künstlich aufgebauscht werden.“

Die Raffinesse der Autorin besteht darin, dass sie dem Roman eine universelle Gültigkeit verleiht. Die konsequente Austauschbarkeit sowohl der Protagonistin als auch ihrer Herkunft ist eben kein Defizit, sondern einer der Vorzüge des Werks. Ganz zum Ende, als die Perspektive der Erzählung klar wird, wartet die Autorin mit einer Pointe auf, die das Buch vortrefflich abschließt. Ein Buch, das nachhallt. Übrigens: Der Roman wurde inzwischen verfilmt, heizte eine breite Debatte an und löste Massenproteste in Südkorea aus.

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