Hannover - Sie trotzte schon immer dem Gegenwind: Bei der Einschulung wollte ihr der Amtsarzt den Weg auf die Regelschule verbauen. Und der Berufsstart am Paul-Ehrlich-Institut im hessischen Langen wäre beinahe gescheitert, weil sie keine barrierefreie Wohnung fand. Annetraud Grote, die wegen einer angeborenen Gelenksteife seit ihrer Kindheit auf den Rollstuhl angewiesen ist, meisterte alles mit Bravour. An diesem Freitag, 1. März, tritt die 56-jährige Juristin ihr Amt als neue Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen an.
Sie sei „sehr dankbar“ für diese Möglichkeit, Inklusion als Querschnittsaufgabe gestalten zu dürfen, sagte Grote bei ihrer Vorstellung am Mittwoch in Hannover. Sie tritt die Nachfolge von Petra Wontorra an, die im vergangenen Jahr aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand wechselte. Im Auswahlverfahren setzte sich Grote gegen 34 Mitbewerberinnen und -bewerber durch, so Sozialminister Andreas Philippi (SPD).
„Noch zu viele Sonderwelten“
Grote, aufgewachsen in der Nähe von Lüneburg, war seit 1998 tätig beim Paul-Ehrlich-Institut, dem Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel. Hier leitete sie etliche Inklusionsprojekte; eines wurde 2009 sogar von den Vereinten Nationen (UN) ausgezeichnet. Noch immer hinke Deutschland bei der Umsetzung der UN-Behindertenkonvention von 2009 hinterher. Es gebe noch zu viele „Sonderwelten“ für Menschen mit Beeinträchtigungen, so die Kritik. Grote, die sich als „Berufsoptimistin“ bezeichnet, möchte sich im Netzwerk mit anderen Akteuren für die barrierefreie Gestaltung von Arbeitsstätten, Schulen und Hochschulen einsetzen. Gegenüber Politik und Verwaltung wolle sie immer wieder „den Finger in die Wunde legen“, wenn es um die Rechte von Menschen mit Handicap geht. Sie sollten darin unterstützt werden, ihre Lebensplanung zu verwirklichen, sagte Grote. Inklusion sei „kein Selbstläufer“.
Philippi betonte: „Es gibt noch viel zu tun bei dem Ziel, die inklusive Gesellschaft und gleichberechtigte Teilhabe am Arbeitsleben, im Sport und Kulturbetrieb oder auf dem Wohnungsmarkt zu erreichen.“ Daher sei es gut, dass die Menschen mit Behinderungen im Land mit Grote wieder ein Sprachrohr hätten. Nach wie vor seien Menschen mit Behinderung vielerorts von der Teilhabe ausgeschlossen. „Es gibt noch viel zu tun bei dem Ziel, die inklusive Gesellschaft und gleichberechtigte Teilhabe am Arbeitsleben, im Sport und Kulturbetrieb oder auf dem Wohnungsmarkt zu erreichen.“
Kritik an der AfD
Übrigens: Als Grote das Gymnasium in Lüneburg beendet hatte, schickte ihre Mutter dem Ex-Amtsarzt eine Kopie des Abitur-Zeugnisses.
Parteipolitisch ist die neue Landesbeauftragte nach eigenen Angaben ungebunden. Zur Debatte um das Erstarken des Rechtspopulismus hat Grote aber eine klare Haltung: Die AfD habe ein verachtendes Menschenbild“, das lediglich in schöne Worte verpackt werde.
