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Geschichte Aus Dienstreise wurde Geiselhaft

Hans Begerow

Stollhamm - Den 17. Juli 1990 hat Siegfried Höhne (79) aus Stollhamm in schlechter Erinnerung. Vor genau 25 Jahren machte sich der Elektromaschinenbauer zu einer Dienstreise in den Irak auf. Der als kurzer Kundenbesuch geplante Aufenthalt wurde für Höhne und seine Familie zu einer fast vier Monate dauernden Qual: Höhne war einer der 400 deutschen Bürger, die der damalige Diktator Saddam Hussein (1937 - 2006) zu Beginn des ersten Irakkriegs als Geiseln nahm.

Höhne hatte für den Textilmaschinenhersteller Schlafhorst in Mönchengladbach Kunden im Irak besuchen sollen. Während des fast achtjährigen Krieges zwischen Irak und Iran war kein Monteur in das Land gereist. Nach dem Ende des Krieges suchte Schlafhorst nun wieder den Kontakt zu den Kunden, die mit deutschen Textilmaschinen ausgestattet waren. Es war nicht Höhnes erster Irak-Besuch gewesen. Schon im April 1990 war er für die Firma in den Irak gereist. Dass Höhne ausgesucht worden war für die Krisenregion, hatte seine Gründe: Zuvor war er für die Firma elf Jahre lang in Ägypten tätig. Er galt daher bei dem Textilmaschinenhersteller als „der Araber“.

Nach Bagdad

Im Direktflug von Frankfurt gelangte Höhne am 17. Juli 1990 nach Bagdad. Seine Ehefrau Katharina – heute 76 – hatte am Flughafen in Bremen bei der Verabschiedung noch gesagt: „Bleib hier.“ Aber Höhne ignorierte das Bauchgefühl seiner Frau, das sich als richtig erweisen sollte. Er bezog sein Hotel und koordinierte im Irak die Kundenbesuche. „Stellen Sie den Ist-Zustand fest“, hatte ihm der Chef mitgegeben. Höhne bekam in Bagdad zwei Begleiter – beide bewaffnet, wie Höhne bald herausfand. Einem rutschte die Pistole aus der Jacke.

Am 2. August 1990 begann Hussein mit der Invasion in Kuwait. Um ein Eingreifen der europäischen Staaten zu verhindern, oder zumindest zu erschweren, ließ Hussein 6300 Europäer festsetzen. Unter ihnen war auch Siegfried Höhne. Höhne ging es vergleichsweise gut. Während die Europäer das Hotel in Bagdad nicht verlassen durften, konnte er sich im Irak bewegen. Er nutzte das für einen Fluchtversuch: Mit einem geliehenen Auto fuhr an die jordanische Grenze. Aber die war unpassierbar, verbarrikadiert von irakischen Soldaten. Höhne machte aus der Not eine Tugend und schaute sich in den Betrieben um, zu denen seine Firma Kontakt hielt. Er fuhr bis Mossul und Arbil. In Stollhamm machte sich derweil Katharina Höhne Sorgen um den Ehemann und Familienvater. „Da waren die Kinder und der Garten. Und ich habe auf jede Nachricht im Fernsehen geachtet.“ Einige Male konnte sie auch mit ihrem Mann telefonieren, allerdings konnte der nicht selbst wählen, sondern musste über die Handvermittlung des Fernsprechamts (so etwas gab es damals noch) angerufen werden. „Einmal war er in einem Fernsehbeitrag zu sehen. Da haben alle Nachbarn und Freunde angerufen“, erinnert sich Katharina Höhne. „Jeder im Dorf war sehr mitfühlend“, freut sie sich heute noch über die Anteilnahme, die die Geiselhaft ihres Mannes vor 25 Jahren hervorrief.

Sorgen um Geiseln

Irgendwann bemerkten auch die Geiseln in dem Hotel in Bagdad, dass die Versorgungslage wegen des verhängten Embargos schwieriger wurde. „Erst gab es Kartoffelbrei zum Frühstück. Dann gab es keinen Zucker mehr“, erinnert sich Siegfried Höhne. Er gab sich bissig: „Ich habe den 2. Weltkrieg überlebt, ich überlebe auch das hier“, sprach er sich selbst Mut zu. Den noch verbliebenen Zucker im Hotel nahm Höhne an sich und verteilte ihn an irakische Freunde und Mitarbeiter. Von da an hieß er „Mister Sigi Ali Baba“, der, der alle Wünsche wahr macht. In Deutschland sendete die Deutsche Welle Grüße der Angehörigen, so dass die Geiseln über Kurzwelle zumindest einseitig Kontakt zu ihren Angehörigen hatten.

Zu Hause machte sich auch der Arbeitgeber Sorgen um den Mitarbeiter. Sein Chef riet der Ehefrau, beim nächsten Kontakt zu sagen, Höhne möge sich nach Möglichkeit außerhalb Bagdads aufhalten (man fürchtete Bombenangriffe).

So schleppten sich die Tage für die Europäer in Ungewissheit dahin. Am 19. Oktober notierte der Arbeitgeber über die Geiseln: „Die Versorgungslage ist zufriedenstellend.“ Allerdings musste Höhne für eine Dose Würstchen 35 DM (18 Euro) bezahlen.

Höhne bemühte sich um ein wenig Normalität für die Geiseln. Zwei Gartenpartys wurden im deutschen Kulturinstitut in Bagdad veranstaltet. Höhne organisierte über seine Kontakte das Bier. Die Brauerei wollte es aber nur liefern gegen leere Flaschen. Höhne organisierte auch das Leergut, wofür der Leergutbeschaffer auch gleich eingeladen wurde, ebenso der, der das Stangeneis beschafft hatte, womit die Bierflaschen gekühlt wurden.

Der frühere Bundeskanzler Willy Brandt bemühte sich schließlich um die Freilassung der deutschen Geiseln. Brandt verhandelte mit dem Diktator Hussein. Am 8. November 1990 erhielt Höhnes Arbeitgeber ein Schreiben des Auswärtigen Amtes über die bevorstehende Ausreise Höhnes. In einem Airbus verließen zunächst 174 deutsche Geiseln den Irak, vorne im Flugzeug Willy Brandt. Katharina Höhne wartete in Frankfurt, die Firma ihres Mannes hatte ihr ein Flugticket nach Frankfurt beschafft. „Als er dann mit Willy Brandt aus dem Flugzeug kam, das Bild kann man nicht vergessen. Es war überwältigend. Da waren ja auch Väter, die hatten ihre kleinen Kinder noch nicht gesehen.“

Empfang im Hangar

Der Empfang fand in einem Hangar des Flughafens statt, und die Lufthansa hatte den ganzen Airbus in den Hangar hineingezogen. Nach vier Monaten konnte Katharina Höhne ihren Mann wieder in die Arme schließen.

Es blieb nicht die letzte Dienstreise für den Elektromaschinenbauer. Er war danach noch in Ägypten. Nach Pakistan hätte er auch noch sollen, das lehnte er aber ab, berichtet Höhne, der als nunmehr 79-jähriger Rentner mit seiner Frau in Stollhamm lebt.

Unruhige Zeiten hatte Höhne zuvor schon einmal in einem arabischen Land erlebt, als er für seinen Arbeitgeber 1981 einen Auftrag in Ägypten erledigte. Vier Attentäter hatten am 6. Oktober 1981 den ägyptischen Präsidenten Anwar al Sadat (und weitere sieben Menschen) vor laufenden Fernsehkameras bei einer Militärparade erschossen, Höhne fürchtete die Unruhen, die daraufhin ausbrachen. Er blieb aber unbehelligt und konnte ausreisen.

„Heute, wenn er unruhig träumt, weiß ich, dass er da im Irak oder in Ägypten steckt“, sagte Katharina Höhne. Sie weiß noch, wie sich vor 25 Jahren von ihrem Mann verabschiedet hatte: „Und siehst du, kaum drin im Land, schon ging die Tür zu.“

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