Berlin/ im Nordwesten - Nachts praktisch nicht geschlafen, kaum ein Auge zugemacht. Aber: „Das waren historische Stunden. So etwas erlebt man nur einmal in seinem Leben“. Olaf Abdinghoff-Feldkemper schwärmt im Gespräch mit dieser Zeitung über die Erlebnisse in Berlin an diesem Wochenende.
Der SPD-Bezirksgeschäftsführer Weser-Ems durfte mit einem Dutzend Genossen aus dem Nordwesten an der Auszählung des bundesweiten SPD-Mitgliedervotums zum Koalitionsvertrag mit der Union teilnehmen. Die Entscheidung für eine Große Koalition – die Sozialdemokraten aus Weser-Ems hielten sie in den Stunden von Freitag bis Sonnabendmittag buchstäblich in den Händen.
Eingestimmt wird die Nordwest-Delegation im Willy-Brandt-Haus. Fotos gibt’s für den Ortsverein und fürs Familienalbum – und eine strenge Vergatterung: keine Handys, keine Fotoapparate und keine Twitterei in den hermetisch abgeschlossenen alten Bahnhallen von Berlin-Kreuzberg. Die 400 Auszähler haben keinen Außenkontakt. Niemand verlässt vor dem Ende die geschichtsträchtige „Station“. Ein Notar überwacht das Prozedere.
„Es wurde in drei Schichten gearbeitet“, schildert Abdinghoff-Feldkemper das Verfahren. Eine Gruppe zählt aus, eine sortiert nach Ja- und Nein-Stimmen und die letzte zählt die jeweiligen Stimmhaufen. „Ich will sofort loslegen“, meint jemand aus der Weser-Ems-Truppe.
Doch alles ist genau geregelt. Um 00.05 Uhr bringt ein gelber Post-Lastwagen mit Anhänger die 369 680 Stimmbriefe aus dem Briefverteilzentrum in Leipzig – begleitet von Kontrolleuren aus der SPD-Zentrale. Um 1.00 Uhr nehmen zwei „Hochleistungs-Schlitzmaschinen“ ihre Arbeit auf. Danach folgen Sortieren und Zählen. 337 880 Stimmen sind gültig, bei den anderen fehlte die eidesstattliche Erklärung. „Ich habe Zweifelsfälle bearbeitet“, sagt der SPD-Bezirksgeschäftsführer. Dazu gehört auch die Erstellung von „Zählprotokollen“ und die stichprobenartige Überprüfung von bereits ausgezählten Stimmkarten. „Dabei gab es nur minimale Abweichungen“, betont Abdinghoff-Feldkemper.
In den Morgenstunden bringt die SPD-Zentrale Kaffee und ein kräftiges Frühstück. Schon vor 13 Uhr kommen die letzten Kisten dran. Kurz darauf kennt Abdinghoff-Feldkemper bereits das Ergebnis: 256 643 Ja-Stimmen = 75,96 Prozent. Erster Beifall dringt sogar nach draußen. Drinnen feiern die Genossen das Ergebnis. „Es gab Currywurst und ein kleines Bierchen“, wie Abdinghoff-Feldkemper kurze Zeit später dieser Zeitung durchgibt.
Parteichef Sigmar Gabriel verkündet das Urteil. Es folgen „Sigmar“-Sprechchöre und La-Ola-Wellen der 400 Helfer. Und mitten drin: die Genossen aus dem Bezirk Weser-Ems.
