Georgsmarienhütte - Kaum eine Branche steht heutzutage so unter gesellschaftlicher Dauerkritik wie die Landwirtschaft. Die Kinder von Bauern werden in der Schule als „Tiermörder“ bezeichnet, Eltern anderer Kinder verbieten ihrem Nachwuchs den Besuch auf einem Bauernhof – aus Angst vor Keimen oder Allergien. Landwirtsfamilien werden beim Einkaufen im Supermarkt an der Fleischtheke für den Einsatz von Tierarzneimitteln harsch kritisiert. Baupläne für Ställe führen zum Streit im Schützenverein, im Kegelclub und in der Kirchengemeinde. Viele Landwirte fühlen sich zunehmend stigmatisiert.

Der Unmut in der Gesellschaft sei oft sehr pauschal, sagt Agnes Witschen, Vorsitzende des Landfrauenverbandes Weser-Ems. „Die Landwirte vor Ort, die Familien, sehen sich permanent dieser Kritik ausgesetzt.“ Die Landwirte hätten das Gefühl, alles, was sie tun, sei falsch. Man halte sie grundsätzlich verantwortlich für alles, was schief laufe – im Natur- und Umweltschutz, im Umgang mit Tieren oder in der Frage, wie Industrie- mit Entwicklungsländern umgehen.

Der Effekt: Die Landwirte ziehen sich zurück – auf ihre Höfe, weg vom gesellschaftlichen Leben in den Dörfern, erklärt Witschen. „Sie beginnen sich zu isolieren, und das ist fatal.“ Landwirte fühlen sich „kriminalisiert“, meint Johannes Buß, Leiter der Katholischen Landvolkhochschule in Oesede bei Georgsmarienhütte.

Er berichtet, wie vor wenigen Tagen eine agrarkritische Demonstration in Berlin zur Grünen Woche aus Sicht einiger Landwirte das Fass zum Überlaufen gebracht hat. „Wir haben es satt!“ war der Protestzug am 17. Januar überschrieben. Protestiert wurde gegen Massentierhaltung, Gentechnik und das geplante Freihandelsabkommen mit den USA. 50 000 Menschen gingen in Berlin auf die Straße. Viele Landwirte hätten sich durch diese Demonstration verletzt gefühlt, sagt Buß. In Internetforen und in Blogs brachten Landwirte ihre Kritik zum Ausdruck. Buß will beide Seiten zum Miteinander Reden bringen. Am Montagabend treffen Vertreter von Misereor und Landwirte aufeinander, bei einem Diskussionsabend im emsländischen Niederlangen.